Die Sache mit dem Helm

Fakt ist: Es gibt keine Helmpflicht für Radfahrer in Deutschland. Trotzdem vergeht kein Tag, an dem man Unfallnachrichten liest, die auf „..trug keinen Helm…“ enden.

Negatives Framing

Ganz oft und in erster Linie ist das aber ein negatives Framing, welches die Schuld am gesamten Unfallhergang um n Prozentpunkte in Richtung des Radfahrers verschiebt, unabhängig vom tatsächlichen Unfallhergang.
Dieser Artikel dreht sich um den Helm und nicht um die Frage, wer nun Schuld am Geschehen war, das zum Unfall führte.

In welcher Form stürzen also denn Radfahrer und was nützt ein Helm dann dabei?

Von der Seite

Die meisten tödlich verunglückten Radfahrer gibt es bei den Rechtsabbiege-Unfällen mit PKW und LKW bei denen der Radfahrer ganz klar eher von der Seite getroffen wird, und der Physik folgend dann auch seitlich fällt, um dann überrollt zu werden.
Der Helm nutzt hier eher wenig, selbst eine Ritter-Rüstung ist hier eher kontraproduktiv.
Da bleibt nur die beteiligten Maschinisten aufzufordern niemanden zu „übersehen“ (Schulterblick! Nicht nur die Spiegel benutzen!).

Von oben?

Die handelsüblichen Fahrradhelme sind auch gar nicht für den seitlichen Aufprall optimiert, stellen seitlich unter Umständen sogar ein zusätzliches Risiko dar, da sie durch ihre physikalische Breite den Aufprall des Kopfes zu früh (und damit bei höherer Geschwindigkeit) stoppen und ungute Knick- und Scherkräfte zwischen Kopf, Hals und Oberkörper entstehen .

Helme sind darauf ausgelegt, bei Fallgeschwindigkeiten von 5,5 m/s auf den oberen Teil des Helmes die maximal auftretende lineare Beschleunigung unter 250 g zu halten, sofern nur 5 kg Gewicht insgesamt fallen, so ist es definiert (Radhelme und ihre Normen, Hansmeier, 2001).

5 kg entsprechen schon dem Gewicht eines Schädels aber wie oft fällt dieser getrennt von uns vom Fahrrad (der Körper wird ja zumeist auch noch dran sein und das Aufprallgewicht erhöhen)?
Bei wie vielen Stürzen fällt ein Radfahrer exakt auf den oberen Teil des Fahrradhelms (oder wieviele von uns fallen senkrecht, ungebremst und mit Kopf nach unten vom Himmel)?

Auf das Auto übertragen entspricht ein Fahrradhelm also der Idee, die meterlange Knautschzone und den Gurt durch ein paar Zentimeter Styropor zu ersetzen.

Quelle: Wirksamkeit von Fahrradhelmen, Dr. Ingo R. Keck, 2012

Wer erleidet schwere Kopfverletzungen?

Tatsächlich verletzen sich wesentlich mehr Menschen schwer am Kopf wenn sie Freizeitaktivitäten nachgehen oder Auto fahren!
Zwar sind die die Zahlen nicht mehr ganz frisch und bei gestiegenem Radverkehrsanteil liegt inzwischen sicherlich auch der Anteil der Fußgänger und Radfahrer bei mehr als einem Prozent, wie die Hannelore-Kohl-Stiftung es einmal zu diesem Thema herausgefunden hatte.
(Kuratorium ZNS, Fahrradhelm.de, 2004)

Die „Seattle-Studie“

Auf die Traumzahl von 85% weniger Risiko von Schädel-Hirn-Verletzungen kam eine Studie von 1989 (A Case-Control Study of the Effectiveness of Bicycle Safety Helmets” von Frederick P. Rivara, Diane C. Thompson und Robert S. Thompson ), die noch immer durch das Internet geistert, obwohl sie von den Autoren selbst wegen Fehlerhaftigkeit zurückgezogen wurde und 1997 durch ebenfalls dieselben Autoren in einer neuen Studie gar widerlegt wurde.

Wer ins Detail gehen möchte findet auf den Seiten von Zukunft Mobilität eine gute Zusammenstellung der Gründe:
Wieso die Behauptung “Fahrradhelme verhüten 85% der Kopf- und 88% der Hirnverletzungen.” (Thompson et al. 1989) nicht belastbar ist

Derlei statistische Spielereien gibt es im Internet viele, hier noch ein Beispiel:

Von 117 tödlich verunglückten Radfahrern trugen nur sechs einen Helm. Über 50 Prozent der getöteten Radfahrer starben an einem Schädel-Hirn-Trauma. „Man sieht deutlich, wie wirksam ein guter Radhelm sein kann“, so Siegfried Brockmann, Leiter der UDV, „viele getötete Radfahrer hätten überleben können.“

UDV-Studie: Fahrradhelme schützen wirksam vor schweren Kopfverletzungen , 2014

Was ist daran falsch?
117 Radfahrer sind tödlich verunglückt. 6 davon trugen einen Helm und sind trotzdem tot.
Mehr als die Hälfte der Radfahrer verstarb an einem Schädel-Hirn-Trauma, von denen in dieser Statistik zufällig keiner einen Helm trug.

Die Gruppe der Helmträger ist statistisch zu klein, weit unter 10% und daher ist Zufälligkeit hier nicht auszuschließen.
Es wird auch nicht näher beleuchtet, wie viele, mit und ohne Helm, ein Schädel-Hirn-Trauma überlebt haben.
Es wird behauptet, aus der Gruppe der Toten mit Schädel-Hirn-Trauma hätten „viele“ überleben können, wenn sie einen Helm getragen hätten.
Warum wird nicht wirklich näher beleuchtet und eben auch nicht durch die genannte statistische Auswertung bewiesen, sondern anhand einer Computersimulation angenommen.

Helmpflicht: Ja oder Nein?

Mal angenommen, man hätte seinerzeit zur Einführung der Gurtpflicht gesagt, dieser bestünde aus einer Gurtsschlaufe die um den Hals zu tragen ist. Alle toten Autofahrer hätten keine Gurtschlaufe um den Hals getragen, da sähe man ja wie wirksam das ist…
Würde es da wohl eine Gurtpflicht geben? Sicher nicht.

Ähnlich ist es mit den Fahrradhelmen:
Eine Wirksamkeit ist in Studien nicht wirklich schlüssig belegt.
In Ländern mit Helmpflicht gab es keine signifikante Abnahme der Kopfverletzungen, dafür aber sinkende Zahlen Radfahrender (D.L. Robinson: Kopfverletzungen und die Helmpflicht für Radfahrer, 1996).

In den großen Fahrradstädten Amsterdam und Kopenhagen erkaennt man am Helm vor allem die Touristen. Keiner kommt dort auf die Idee ein Helm sei für den Weg durch die Stadt zur Arbeit von großem Vorteil.
Merkmal dieser Städte ist allerdings ein stärker reglementierter Autoverkehr und bessere Fahrrad-Infrastruktur.

Trotz deutlich höheren Radverkehrsaufkommens bringt man dort weniger Radfahrer um als in Deutschland:
In den Niederlanden waren es 2013 128 getötete Radfahrer, in Deutschland 2014 400 (!) getötete Radfahrer.

Ist also das tragen eines Helms tatsächlich sicherheitsrelevant oder ist es bloß eine Ablenkung vom massiven Auto-Verkehrs-Problem in Deutschland?

Wer einen Helm trägt…

  • … sollte ihn richtig tragen.
  • … sollte ihn wenn er runterfällt austauschen.
  • … sollte keine Mütze darunter tragen.
  • … sollte trotzdem anständig Radfahren!
  • … sollte auch mit ihm die StVO beachten.

Helm!

Vielen Dank an Martin Triker der mit seinen Recherchen zu seinem Artikel „Helm!“ das absolute Vorbild und Quelle alle Quellen war!
Der eigentliche Ruhm für diesen „Tipps & Tricks“-Artikel gebührt seiner Vorlage.
Dort findet ihr auch noch viel mehr Quellen , wenn einige von euch sich da jetzt genauer in das Thema einlesen wollen.

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

3 Gedanken zu „Die Sache mit dem Helm

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.





%d Bloggern gefällt das: