StVO – Autos, ein Problem von Anfang an

„Radfahrer fahren immer bei Rot!“, „Runter vom Radweg!“… das sind die Sprüche die uns dauernd umschweben.
Sie entstehen, weil es heutzutage Regeln gibt die in der StVO festgehalten sind und es uns somit ermöglichen uns unser jeweiliges Fehlverhalten gegenseitig vorzuwerfen.

Dabei wurden die Verkehrsregeln erfunden, weil Autofahrer schnell ein Problem waren…

Friedliche Welt

Es gab mal eine Welt vor dem Auto, auch wenn heute so manch einer nicht daran glauben möchte.
Chancen für Verkehrsunfälle gab es natürlich auch dort schon:
Zwei Menschen konnten miteinander kollidieren, Menschen konnten mit Reittieren kollidieren oder auf ihnen reitend mit anderen Reitern. Ochsenkarren konnten kollidieren, Streitwagen und alles in mehr oder weniger komplizierten Kombination auf einmal oder alleine miteinander.

Das geschah alles mit sogenannten „biogenen Geschwindigkeiten“, da ein Pferd halt nur so schnell wie ein Pferd ist und eben nicht schneller.
Niemand brauchte also umfangreiche Verkehrsregeln, zumal sich mongolische Reiterhorden eh nicht daran gehalten hätten.

Als nächste betrat die Eisenbahn die Verkehrswelt, deren Relevanz für besondere Verkehrsregeln aber beschränkt blieb, da sie sich ja auf ihrem eigenen Gleis fortbewegte und nur die Querungen der Gleise Anlass zu Unfällen gaben.

Und dann kam das Auto…

Ab ca. 1900 war es dann aber doch nötig den Verkehr irgendwie zu regulieren um auf die steigenden Unfallzahlen durch Automobile zu reagieren.
Diese Regelungen waren noch grundsätzlich Ländersache und wenig einheitlich ausgeführt. Auch international gab es noch keine allgemein und überall geltenden Regeln für den nun zu regulierenden Verkehr.

1909 kam dann das Reichsgesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen, das heute noch als StVO bei uns existiert und eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 15 km/h einführte, sowie die vorher notwendigen, an jeder Landesgrenze wechselnden, verschiedenen Ausweise und Genehmigungen mit der Führerschein-Regelung ablöste.
Im Oktober des Jahres erwarb Amalie Hoeppner aus Leipzig den ersten deutschen Führerschein den eine Frau je erworben hatte.

Immer mehr Regeln

Von nun an wurden immer wieder Regeln ergänzt, ganze Novellen geschrieben und Neuerungen eingeführt, die teilweise dann auch schon auf internationalen Vereinbarungen fußten.

1930 wird in Kopenhagen die erste Fußgängerampel aufgestellt, vier Jahre später wird das auch in Berlin am Kleinen Stern offenbar notwendig.

In der Novelle von 1934, die erste die dann auch das Wort „Straßenverkehrs-Ordnung“ im Namen führt, ist auch die erste die die bisherigen Verkehrsverhältnisse komplett umdreht und Kraftfahrzeugen Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern einräumt und zudem alle vorherigen Geschwindigkeitsbegrenzungen aufhebt.

1937 ist dann das Jahr indem die Verkehrsteilnehmer endgültig getrennt werden und das allgemeine Leben auf den Straßen von 1900, wie im Video weiter oben zu sehen, dann endgültig vorbei ist:

  • Fußgänger müssen die Gehwege benutzen.
  • Kinderspiele auf der Straße sind verboten.
  • Die Fahrbahn ist auf dem kürzesten Weg zu überqueren.
  • Fahrräder müssen Radwege benutzen oder am rechten Fahrbahnrand fahren.

Kriegsregeln

Seit 1940 ist am Fahrrad das rote Rücklicht vorgeschrieben und auch die berühmten, deutschen gelben Pedalrückstrahler erblicken das Licht der Welt.
Überhaupt führt der zweite Weltkrieg noch zu anderen Verkehrsregelungen, denn das Öl wurde knapp, da es vom Militär in großen Mengen verbraucht wurde: Das führte zur Wiedereinführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Ab 1943 hatte kriegsbedingt die Zahl der Autos so stark abgenommen, dass Radfahren auf der Autobahn von nun an erlaubt war.

Nachkriegsjahre

Direkt nach dem Krieg waren Verkehrsregeln nicht das Hauptthema in Deutschland: Es gab kriegsbedingt nur noch wenige Autos, der Standard lag wieder in der Fortbewegung zu Fuß und mit dem ÖPNV.
1947 kam man in England auf die Idee des Zebrastreifens und 1952 gab es die ersten Zebrastreifen auch in Deutschland.
Sie dienten wohl eher der Regulierung von Fußgängern, denn der Autoverkehr hatte am Zebrastreifen Vorrang.

Die Verkehrserziehung in den Schulen Deutschlands wurde im Sinne einer Anpassung der kinder an den Verkehr durchgeführt, dass sollte sich erst sehr viel später ändern.

Von 1953 bis 1957 gab es keine Tempolimits, dann wurde unter anderem Tempo 50 innerorts eingeführt um der vielen Unfälle Herr zu werden.
Genau seit diesem Zeitpunkt gibt es die ewige Diskussion um Tempolimits.

Die 60er Jahre

Nach 1957 tat sich lange Jahre nichts mehr an der StVO.
1963 veröffentlichte Professor Sir Colin Buchanan den Report „Traffic in towns“ für das englische Verkehrsministerium.
Der Report enthielt einige Thesen, die heute auch Thema der Diskussionen um Verkehrsthemen sind:

  • Er trennte Güterverkehr vom „beliebigen Verkehr“.
  • Erkenntnis: Der „beliebige Verkehr“ muss eingedämmt werden, er stellt ein Problem für den Güterverkehr dar.
  • Trennen von Verkehrsarten kann sinnvoll sein.

Das waren im wesentlichen auch die Ergebnisse eine Bundestags-Sachverständigengruppe von 1965 zum selben Thema.
Doch in Deutschland setzte sich eher der Einfluss des Buches „Die autogerechte Stadt – Ein Weg aus dem Verkehrschaos“ von Hans Bernhard Reichow durch, der zwar auch eine Trennung der Verkehrsarten fordert, aber eben ausschließlich zum Nutzen des Autoverkehrs.

1970, das Jahr der Toten

1970 starben 21.332 Menschen im deutschen Straßenverkehr. Es gab dabei zusätzlich 531799 Verletzte, was in etwa der Einwohnerzahl Dresdens im Jahre 2015 entspricht.

Die Ölkrise der Jahre 1973 und 1974 führte immerhin mal dazu das hier mehr Fahrräder als Autos verkauft wurden, ein Trend der sich leide nicht fortsetzte.

Ab 1970 muss man beim Fahrspurwechsel blinken und Radwegpflicht besteht nur noch bei rechtsseitigen Radwegen. Der Rest der Neuerungen bezieht sich auf die Einführung des Stop-Schildes und der Normierung alter Verkehrszeichen. 1976 kam noch die Gurtpflicht, allerdings ohne Sanktionen.

1979 gründet sich der ADFC in Bremen.

Der ganze Rest…

Ab den 70er-Jahren gab es kaum noch wirklich große Änderungen an den Verkehrsregeln an sich.
Dafür beschäftigt man sich mit Neuerungen, wie etwa „verkehrsberuhigten Zonen“ und Behinderte wurden erstmals in der StVO berücksichtigt.

  • 1980 kommt die „Bremsbereitschaft“ als Absatz in StVO §3 dazu.
  • 1983 kommen die „Tempo-30-Zonen“.
  • 1984 wird die Anschnallpflicht auch sanktioniert
  • 1985 wird der FUSS e.V. gegründet.
  • Über die 80er verteilt werden immer Reflektoren am Rad Pflicht.

1990 gibt es nach der Wiedervereinigung nunmehr nur noch eine StVO und der „grüne Pfeil“ wird gesamtdeutsches Kulturgut.

1997 ist das Jahr der „Radfahrnovelle“.
Seither müssen nur noch mit Verkehrszeichen gekennzeichnete Radwege benutzt werden und Radfahrer dürfen entgegengesetzt durch Einbahnstraßen fahren.

  • 2010 Winterreifenpflicht.
  • 2014 Taxifahrer müssen sich jetzt auch anschnallen.
  • 2015 Elektroautos dürfen auf die Busspur.
  • 2016 E-Bikes dürfen außerorts auf den Radweg.
  • 2016 Kinder unter 8 Jahren dürfen jetzt auf dem Gehweg von einem Elternteil begleitet werden .
  • 2016 benutzungspflichtige Radwege und Fahrstreifen dürfen auch außerhalb von Gefahrenzonen angeordnet werden.
  • 2017 Kraftfahrer dürfen ihr Gesicht nicht mehr verhüllen.

tl/dr

Das eine Beregelung des Verkehrs überhaupt in größerem Rahmen notwendig geworden ist, verdanken wir also der Erfindung des Autos und der Unvernünftigkeit seiner Fahrer. Definitiv.
Der Großteil der erschaffenen Regelungen diente seit 1900 nur dazu die steigenden Unfallzahlen zu bremsen.

In Deutschland besteht seit 1937 eine Bevorzugung des Kraftfahrzeug-Verkehrs gegenüber Fußgängern und Radfahren, die fortan nicht mehr umgekehrt wurde.
Erst Ende des vergangenen Jahrhunderts entstehen wieder Bestimmungen, die das Vorrecht der Autos zurückdrängen und mehr Raum für andere Verkehrsteilnehmer geben.

Quellen:

Literatur:

Videos:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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2 Gedanken zu „StVO – Autos, ein Problem von Anfang an

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