Muffelige Fahrradhändler

Es wird warm. Die Sonntags- und Gelegenheitsradler schießen wie Pilze aus dem Boden und stürmen die Fahrradläden.
Manche meinen Fahrradhändler wären Unwissenden gegenüber arrogant.
Aber stimmt das wirklich?

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder, wenn der Winter verschwindet und die Sonne warm am Himmel steht, stürmen die Menschen in die Keller beseelt vom Gedanken „man könnte ja mal mit dem Rad…“ und schleppen platte Boliden mit bestenfalls vertrockneten Ketten und kaputten Lampen ans Tageslicht.

Dem Herdentrieb eines Gnus folgend ergießen sie sich über die lokalen Fahrradhändler und staunen, wie im Sommerferienstau auf der Autobahn, dass andere offenbar dieselbe Idee haben und man nicht der einzige Mensch ist, der jetzt sein Rad repariert oder fit gemacht haben möchte.

Echauffierte Gespräche entstehen, wenn der Fahrradhändler einen Termin im nächsten Monat vorschlägt, weil das Auftragsbuch voll ist.
Noch erregtere Gespräche entstehen nur bei der Preisdiskussion, die sie in der Autowerkstatt wahrscheinlich auch so führen.

Sie [die Menschen] erzählen, wie ein Fahrradhändler sie beim Aussuchen eines Schlosses beobachtet und dann, als sie sich für eins aus dem mittleren Preissegment entscheiden, halblaut kommentiert: »Ah, okay, ich dachte, du willst dein Rad behalten.«

Kettenreaktion, Süddeutsche Zeitung

Und es stimmt leider: Viele dieser Reparaturen oder Arbeiten um das Rad wieder fit zu machen, wären nicht nötig, wenn man sich mal regelmässig und nicht nur beim ersten Sonnenstrahl um das Rad im Keller kümmerte.
Es gibt ganz bestimmt das Déja-Vu so manches Fahrradmechanikers mit dem noch am Gepäckträger klebenden Reparaturmarken vom Vorjahr, an denen man sieht, dass dann doch keiner damit gefahren ist.

»Das musst du pflegen«, sagt der Fahrradhändler, fassungslos angesichts des zur Inspektion vorbeigebrachten Rades, »und pflegen heißt: putzen!«

Kettenreaktion, Süddeutsche Zeitung

Jeder will seinen Traumtermin und doch bekommt ihn keiner.
In den meisten Fahrradläden ist das Verkaufspersonal auch zeitgleich Mechaniker, was in Zeiten dicker Auftragsbücher bedeutet, dass man eben nicht für jeden Kunden den ganzen Vormittag Zeit hat, bevor der das erstrebte Kinderrad ob des ihm viel zu hoch erscheinenden Preises dann doch im Internet kauft.

Des Vielfahrers Rad

Das Rad des Vielfahrers hingegen ist immer auf dem Stand der Technik, man duzt den Fahrradhändler, weil man ihn aus mehreren Begegnungen in den Jahren längst kennt und trinkt vielleicht sogar einen Kaffee zusammen beim Plausch im Laden.

Man besorgt sich schlicht die Verschleißteile sobald sie benötigt werden und niemand schiebt sein Rad mit abgefahrenen Bremsen in den Keller unter dem Vorsatz „… jetzt ist eh Winter da brauch ich die Bremsen nicht machen…“.

Für Reparaturen kann man sich im Herbst oder Winter fasst immer einen Wunschtermin geben lassen, den Rest macht man halt selbst.
Der Vielfahrer kennt sein Rad, weiß um die Namen seiner Bauteile und bekommt also die meisten Fragen gar nicht erst gestellt.

Deshalb quält er seine Kunden mit unverständlichen Gegenfragen: »Was willste für ein Ventil – französisch, Sclaverand oder Schrader?« Er gibt bösartige Ratschläge: »Dein Hinterrad blockiert beim Zurückschieben? Dann klapp halt den Ständer ein!« Und er macht schmerzhaft faule Scherze: »Also, die Luftpumpe würde ich immer abmachen, sonst kommst du wieder und hast zwei davon.«

Kettenreaktion, Süddeutsche Zeitung

Moral von der Geschicht

Ein Blick in unseren Hauskeller alleine zeigt es deutlich:
Mit dem Rad wird in vielen Haushalten wenig pfleglich umgegangen.
Da stehen komplett unbenutzte Fahrräder, die nach dem Kauf gleich dort gelandet sind und die inzwischen tatsächlich der Wartung bedürfen, weil einige davon schon so lange platt herum stehen, dass die Felge schon eine Delle davon hat.

Auch an den wenigen Plätzen vor der Tür, an denen man sein Rad anschließen kann, stehen Räder durch deren Rahmen schon Bäume wachsen oder die derart rostig sind, dass man einfach weiß, das nutzt keiner.

Vermutlich stehen aber dieselben Leute am Sonntag durchaus fröhlich mit ihrem Auto auf dem Gelände der Waschanlage und lassen ihm alle erdenkliche Pflege zukommen, alles andere ist ja „nur ein Fahrrad“.

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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