Autos sind keine Lösung für Berlin – sie sind das Problem!

Die Stadt ist an jedem verdammten Wochentag zu voll. Die Kapazität für Autoverkehr ist längst erschöpft. Immer mehr Autos verbrauchen immer mehr Fläche, die sie sich längst auch illegal z.B. durch Parken auf dem Gehweg okkupieren. Es sind zu viele! Sie sind das Problem!

Verkehrsanteile und Pendler

In Berlin sind 1,2 Millionen Autos zugelassen, die Einwohnerzahl lag im Dezember 2017 bei 3,6 Millionen Einwohnern.
Im Vergleich mit anderen deutschen Städten hat Berlin also eindeutig die niedrigste PKW-Dichte.

Während es also ca. 350 Autos je 1000 Einwohner gibt, besitzen diese 721 Fahrräder.

Im Verhältnis zur vorherigen Ermittlung im Jahre 2008 sind die Anteile des Autos dabei zurück gegangen, der Fußgänger-Anteil auf hohem Niveau gleich geblieben und der Rad-Anteil gestiegen. Gleichzeitig ist aber auch die Einwohnerzahl um 155000 gestiegen, was sich aber eben nicht in einem höheren Anteil der Autonutzung niedergeschlagen hat.

Je dichter man an die Innenstadt heran kommt, desto geringer fällt der Anteil der Autonutzung aus.
45% aller Haushalte in Berlin besitzen kein eigenes Auto, innerhalb der Ringbahn sind es sogar 57,5 % ohne Auto.

Das Berliner Straßennetz umfasst etwa 5400 km und nähme man nur die Autos der Berliner, würde man zwei Drittel aller öffentlichen Straßen davon beidseitig damit zuparken können.
Bundesweit entfallen im Schnitt 68 Autos auf den Straßenkilometer in Berlin sind es 212.

Zu diesen Zahlen über die Bevölkerung Berlins kommt die im Pendleratlas ermittelte Menge an ca. 277000 Einpendlern nach Berlin an jedem Arbeitstag.

Es ist voll

Es ist also ganz schön voll in Berlin, denn zum raumgreifenden Auto gesellen sich noch andere Verkehrsteilnehmer auf dem Rad oder zu Fuß.

Es gäbe zu wenig Parkraum, wird immer wieder beklagt, doch eigentlich gibt es nur zu viele Autos.
Ein Problem, welches sich nicht durch E-Autos, Car-Sharing oder autonome Automobile lösen lässt, sondern nur durch weniger Autos.

Wer will schon mehr Stau und weniger freie Parkplätze? Autofahrer müssten schon aus egoistischem Eigeninteresse die Verkehrssenatorin beknien, möglichst viele andere Autofahrer aufzufordern, ihr Auto abzuschaffen.

Heinrich Stößenreuther, Fahrradaktivist

Der ADAC selbst bemerkt dazu:

Richtig ist: Berlin wird weiter wachsen, der Straßenraum jedoch nicht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird uns so schnell keiner mehr den fragwürdigen Titel „Stauhauptstadt Nummer Eins“ streitig machen.

ADAC, Automobilclub

Gleich danach kritisiert der ADAC aber sofort, dass man durch den Ausbau von Radwegen und dem Rückbau von (Auto-)Straßenraum und dem Wegfall von (Auto-)Parkplätzen die Berliner in ihrem Mobilitätsbedürfnis einschränken würde.

Das ist irgendwie albern, denn der Autoverkehr hat längst mehr als seine legalen Flächen okkupiert und wachsende Zahlen an Fußgängern und Radlern brauchen gegenüber dem gesunkenen Anteil der Autofahrten eben mehr Platz.
Der ÖPNV, Radfahrer und Fußgänger werden also längst durch den Autoverkehr in ihrem Mobilitätsbedürfnis eingeschränkt!

Die Bilder aus dem Amsterdam der 70er Jahre im Tweet oben, zeigen eigentlich ein erschreckend aktuelles Bild von Berlin 2019, was vor allem die extravaganten Parksitten angeht. Das wollen wir doch nicht wirklich auch so sehen, oder?

Wenn nicht mit dem Auto, dann wie?

Das Fahrrad ist für fitte Menschen eine gute Alternative. Aber wie sieht es mit jenen aus, die körperlich oder altersbedingt keine langen Strecken mit dem Rad zurücklegen können? Wie sollen Pendler ohne Auto verlässlich und pünktlich zur Arbeit kommen?

ADAC, Automobilclub

Der ADAC hält das Rad für ein Verkehrsmittel, dass nur fitte Menschen benutzen können und impliziert damit gleich mal, das Autofahrer in der Regel also nicht fit sind. Stimmt vielleicht sogar.

Der Anteil jener Fahrer die, in einem beliebigen Berliner Stau gezählt, dort stehen, weil die Autonutzung für sie ganz und gar (aus medizinischen oder beruflichen Erfordernissen) alternativlos ist, ist aber nicht so hoch, wie der ADAC schätzt.
Ich würde wetten, wenn man all jene, die aus reiner „Bequemlichkeit“ das Auto nehmen, dort wegbeamen würde, gäbe es auch keinen Stau mehr.

Gleichzeitig wird hier aber einiger Unsinn gemischt:
Bei einer laut Statistik durchschnittlichen Strecke von 9,5 km pro Weg mit dem Auto in Berlin gibt es also auch jede Menge Strecken die noch kürzer sind und Pendler sind eine komplett andere Nutzergruppe, die den Berliner Stadtverkehr ja noch zusätzlich belasten und letztlich auch zu seinem regelmäßigen Zusammenbruch führen.

Wir müssen auch gar nicht vom Individualverkehr an sich weg. Aber es ist absurd, dass es in Deutschland jeden Tag 40 Millionen Autofahrten unter zwei Kilometern gibt.

Rebecca Peters, ADFC

Zehn Kilometer auf dem Rad pro Strecke sind übrigens auch für durchschnittlich fitte Menschen kein Problem, zumal Berlin auch nicht in den Alpen liegt. Fünf Kilometer wären eigentlich für jeden drin, wenn er nicht an anderen gesundheitlichen Einschränkungen leidet, die vielfach auch durch zu wenig Bewegung entstehen.
Vielleicht sogar weil man immer das Auto nimmt…

Auf diesen Strecken wäre man beim derzeitigen Berufsverkehr sogar zumeist schneller als mit dem Auto.

Ich selbst (51) fahre wenigstens einmal die Woche meine 17 km pro Strecke zur Arbeit, sonst darf der ÖPNV mich fahren.
Unter meinen Kollegen gibt es noch mehrere mit zweistelligen Kilometerstrecken und wir sind noch immer fit genug zum Arbeiten.

Pendler sind Leute die von außerhalb Berlins täglich in die Stadt kommen und für jene ist es wichtig den ÖPNV mindestens in soweit auszubauen, dass sie mit ihrem Auto nicht mehr den ganzen Weg in die Stadt fahren müssen. Nur das hilft.

Der ÖPNV an sich nützt natürlich auch allen Einwohnern der Stadt, aber eben nicht, wenn er mit im Stau stehen muss.
Derzeit bringt es gar nichts, mehr Busse einzusetzen, denn die bleiben am Ende der Busspur im Stau des MIV hängen.

Stadt umgestalten

Zwei wesentliche Faktoren beeinflussen heutzutage die zukünftige Gestaltung der Stadt:

  • Abbau des Autoverkehrs zu Gunsten anderer Verkehrsmittel (Verkehrschaos beheben)
  • Umweltpolitische Maßnahmen (Feinstaub, Lärm, CO2-Ausstoß, Klimawandel)

Beide führen zu der unbequemen Wahrheit, dass wir im Verkehrsbereich Einschnitte bei den Verbrennern vornehmen müssen und umweltfreundlicheren Alternativen den Vorrang einräumen müssen.
Eine autogerechte Stadt ist nicht mehr Mittel der Wahl, denn auch ein Elektro-Auto erzielt schon in der Herstellung eine so schlechte Umweltbilanz, dass es neben der Tatsache, dass der Platzverbrauch ebenso groß ist wie beim Auto, als Alternative nur teilweise zu gebrauchen ist.

Und natürlich trifft die unangenehme Wahrheit auch Kreuzfahrtschiffe, Billigflieger und Kaminbesitzer. Früher oder später.
Weiter so ist nicht mehr.

Das Video aus Amsterdam muss Berliner Autofahrern doch eigentlich wie ein Traum vorkommen: Der Verkehr fließt auf allen Spuren, niemand steht in zweiter Spur rum und es geht entspannt zu.
Und selbst hier werden wir nicht nur Autofahrer vorfinden die, aus welchen Umständen auch immer, notwendig auf das Auto angewiesen sind!

Gleichzeitig kommt der Radverkehr ohne Helme aus und wird respektiert.
Die Radinfrastruktur ist breit und benutzbar.

Hierzulande sind Fahrzeuge auf Spuren unterwegs auf die sie nicht gehören, Radwege gar nicht vorhanden oder nicht benutzbar und Rücksicht durch den stärkeren Verkehrsteilnehmer dürfen Radfahrende und Fußgänger eher nicht erwarten.

Rücksichtnahme

Von deren Seiten wird dann immer wieder auf die Radfahrer verwiesen, die ja immer bei Rot über die Ampel fahren… blabla.
Das ist etwas, was ein Radfahrender auch nicht gerne sieht.

Was mich dann richtig ärgert, ist, wenn Radfahrer ihrerseits alle Bemühungen um ein harmonisches Nebeneinander von Auto und Velo untergraben, indem sie das Klischee vom kaltschnäuzigen Chaos-Radler bedienen. In die falsche Richtung auf Radweg und Straße, völlig unpassend auf dem Bürgersteig, im Irrsinnstempo, ohne Klingel aber mit lautem Flüchen zwischen Autos kurvend. Zum Fremdschämen.

Patrick Goldstein, Berliner Morgenpost

Jemand, der die Regeln ignoriert, tut das nicht weil er ein Rad oder ein Auto fährt, sondern weil er die Regeln immer ignoriert.

Rücksichtnahme im Straßenverkehr ist zunehmend nicht vorhanden.
Man braucht heutzutage als Radfahrer nichts verkehrt zu machen um aus dem Auto heraus mit übelsten Beschimpfungen überzogen zu werden, bloß weil man eben schneller ist oder halt Vorfahrt hat.

Das Deprimierende daran: Es ist so unnötig! Autofahrer, Radfahrer und nicht zu vergessen Fußgänger könnten in friedlicher Koexistenz miteinander laufen und fahren – getrennt voneinander, geschützt voreinander. Aktuell jedoch sind sie alle zusammen Opfer ein und desselben Versagens: Eine Stadt wie Berlin, auf dem Weg hin zu einer Metropole mit vier Millionen (!) Einwohnern, mit einer zeitgemäßen Verkehrsinfrastruktur zu versehen.

Robert Kiesel, Der Tagesspiegel

Fazit

Die Anzahl der Autos in der Stadt muss kleiner werden und andere Verkehrsarten müssen gefördert werden um alleine nur den Verkehr wieder zum rollen zu bekommen.

Umweltpolitisch ist das Auto mit Verbrennungsmotor ohnehin ein Auslaufmodell, wenn unsere Kinder noch eine lebenswerte Welt vorfinden sollen, anstatt ihre (Groß)eltern für ihren Egoismus zu hassen.

Das fängt mit Rücksicht im Straßenverkehr an, geht über den Ausbau des ÖPNV bis hin zum Rückbau von Parkplätzen und einem grundsätzlichen Umdenken in Sachen Bequemlichkeit und Umweltschutz.

Dann lässt sich die Stadt Berlin auch bald wieder mit vollen Sinnen genießen, vielleicht sogar ein wenig wie hier:

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.





%d Bloggern gefällt das: