Kommentar: Kein Klassenkampf – Gerechte Raumaufteilung

Schlaue Radfahrer kämpfen gegen dumme Lieferfahrer? Sowas kann man nicht ohne Widerspruch stehen lassen…

Kenne den Gegner

Fahrradstadt Berlin – ist das überhaupt realistisch? So viel steht fest: Die Zahl der Berliner, die dagegen sind, ist groß – auch wenn man das in der Radszene nicht wahrhaben will.

Peter Neumann, Berliner Zeitung

Die Fahrradstadt Berlin ist sicherlich ein hehres Ziel und nicht immer lässt sich von den Befürwortern aus der „Radszene“ nachvollziehen welche Argumente dem entgegen geworfen werden.
Dennoch ist es Quatsch zu behaupten, man wisse nicht wie groß die Gegnerschaft sei, schließlich begegnet ihr jeder Radfahrende alltäglich auf den Straßen der Stadt.

Zudem ist es auch eine Verkürzung des eigentlichen Problems, dass Berlin eine Verkehrswende schon wegen des andauernden Stau-Problems und dem Mangel an Platz für andere Verkehrsteilnehmer, allem voran dem ÖPNV, braucht.

Die „Fahrradstadt“ ist davon lediglich ein Baustein und es waren, soweit ist das richtig, Radaktivisten, die die Verkehrswende zwingend in die Politik eingebracht haben.
Die funktioniert aber nur, wenn gleichzeitig der ÖPNV in der Infrastruktur mit wächst und eben die Strecke „von Buch nach Spandau“ auch anders als mit dem Auto überhaupt denkbar ist.

Das irgendetwas, was in Deutschland nicht für das Auto gedacht wird, auf heftigen Widerstand stößt, ist aber jedem klar.

Der Landraub ist längst geschehen!

Da sind die Autofahrer, die das Treiben auf Berlins Straßen zutreffend als das sehen, was es ist: als Kampf um knapp werdenden Raum. Die sich bedrängt fühlen von Radlern, die unvermittelt in die Quere kommen, selbst wenn man vor dem Abbiegen brav in alle Richtungen geschaut hat. Autofahrer, die sehen, dass ihr Bewegungs- und Parkraum eingeengt wird – durch Radfahrstreifen, durch neue Fahrradstellplätze.

Peter Neumann, Berliner Zeitung

Das hier ist aber eine schlichte Verdrehung der Tatsachen:
Der städtische Raum ist ganz eindeutig nicht nur Raum für den Autoverkehr, sondern für Verkehr im allgemeinen und nicht zuletzt Lebensraum der Einwohner.

Anfang des letzten Jahrhunderts war das Auto noch Gast auf der Straße und erst das Fehlverhalten der Autofahrenden führte überhaupt zur Einführung einer StVO, weil die Autofahrenden zehntausende von Menschen schlicht tofuhren.

Jene StVO war es auch, die die Zuweisung des öffentlichen Raums ab 1937 komplett veränderte:
Radfahrende wurden an den rechten Rand der Straße verbannt und Fußgänger mussten zwingend auf den Bürgersteig. Spielen auf der Straße wurde untersagt.

In manchen Ländern der Erde ist es heutzutage sogar mindestens ordnungswidrig einfach so über die Straße zu laufen.

Genau das ist der eigentliche Landraub an den Einwohnern der Städte:
Niemand wurde gefragt, ob wir überall Autos haben wollen (ob nun fahrend oder rumstehend) und alle anderen Verkehrsteilnehmer wurden zur Seite gedrängt!

Die Forderung nach mehr Raum für die anderen Verkehrsteilnehmer ist also schlicht die Forderung nach der Rückgabe einstmals geraubten Raumes.

Längst nutzt der Autoverkehr auch Flächen, die eindeutig nicht dem Autoverkehr angehören: Es wird auf Gehwegen geparkt, auf Grünflächen, Radwegen, Busspuren und in zweiter Spur.
Schon die Beseitigung dieser Parkräume brächte den Verkehr der Stadt ein Stück weit voran!

Zudem müssen sich Autofahrende von dem Gedanken verabschieden mit dem Kauf des Autos auch Parkfläche erworben zu haben: Parken ist kein Grundrecht und auch Radfahrer dürfen hier Platz beanspruchen, sind sie doch gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer.

Dumme Lieferfahrer?

Da sind die Paket- und Lieferfahrer, die als prekär bezahlte Freiberufler durch Berlin jagen, und sich dabei immer wieder gebremst fühlen – von Radfahrern, bei denen der Anteil der Akademiker höher ist als im Lieferverkehr: Klassenkampf auf Rädern.

Peter Neumann, Berliner Zeitung

Bei diesem Argument wird mir nun ganz Schlecht:
Da eine Doktorarbeit nun mal keine Voraussetzung für den Paketdienst ist, mag es zwar sogar stimmen, aber man könnte an der Stelle genauso gut (und vermutlich richtig) behaupten, dass der Anteil der Bauarbeiter im Bäckerhandwerk kleiner ist als unter den Radfahrern.

Mal ganz davon abgesehen, dass sich in Lieferdiensten ja auch immer mal künftige Akademiker finden, die ihre Ausbildung finanzieren.

Die Bezahlung der Lieferfahrer ist sicherlich ein Problem, welches gelöst werden muss, aber sie sind nicht Ziel eines Klassenkampfes seitens der Radfahrenden: Sie sitzen eher buchstäblich zwischen Baum und Borke, weil sie, wo sie auch versuchen zu parken, von allen angepöbelt werden, weil es mangels Parkplätzen fast immer ordnungswidrig ist.

Die Lieferfahrer und der ÖPNV wären die ersten, die von sinkenden Zahlen im motorisierten Individualverkehr (MIV) profitieren, weil dadurch Platz und Raum entstehen, in denen sie endlich in Ruhe ihrem Job nachgehen können!

Hohles Argument

In eine ähnliche Kategorie fallen die Wenigverdiener, die noch im Zentrum leben. Die Autobesitzer unter ihnen fühlen, dass sich die verkehrspolitische Debatte über höhere Parkgebühren und eine City-Maut gegen sie richtet.

Peter Neumann, Berliner Zeitung

Nun mal langsam mit den Wildpferden!
Derzeit hat die Senatorin nur geäußert, das es über kurz oder lang eine Diskussion darüber geben werde oder muss.

Anwohner der Mautzone könnten ja eben auch per se mit einer Mautmarke ausgestattet werden, denn schließlich will man den Verkehr von außen in die Stadt bremsen. Über Einzelheiten wurde hier noch gar nicht geredet.

Das wäre auch insofern eine gute Lösung, da in der Innenstadt eh nur die Hälfte der Haushalte über ein Auto verfügt, während am Stadtrand manchmal gleich drei davon den Vorgarten des Reihenhauses zuparken.

Wie geht es also weiter?

Was fehlt ist, wie leider so oft, auch eine klare Kommunikation aus der Politik, die zu kommunizieren in der Lage wäre, dass das Ziel nicht die totale Abschaffung des Autoverkehrs ist, sondern dessen Verminderung mit Ziel des Abbaus des Verkehrschaos in der Stadt und eines pünktlicheren ÖPNV.

Doch Politik heute ist immer das Kuschen vor dem der am lautesten schreit und so zuckt sie getrieben von jenen die „ich will meinen Diesel fahren“ und jenen die „wir wollen sichere Radwege“ rufen ziellos hin und her, anstatt eine konkrete Linie zu verfolgen.

Schlimm ist es dann noch, wenn die Polizei ihre eigene Politik macht und wie etwa in der Tamara-Danz-Straße entscheidet trotz eindeutiger Verkehrszeichen-Lage nicht tätig zu werden und die StVO durchzusetzen.

Mangelnde Kontrolle in allen Verkehrsbereichen ist ohnehin ein großer Fehler, der behoben werden muss, um die Lage im Verkehr zu entspannen.

Den Stau macht nicht der Radweg, den Stau machen die Autofahrer selbst!

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

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