Auto: Evolutionäre Sucht

Der Trend zum SUV bleibt und es werden auf noch immer von Jahr zu Jahr mehr Autos in unserem Land. Warum tun wir das? Ist es womöglich eine Sucht?

Autos schaffen eine Autowelt

Der Mensch hat das Auto im Kopf, seit es das Licht der Welt erblickt hat und das hat Folgen:
Das Auto steckt auch in den Köpfen jener, die entscheiden und Städte planen, was eben dazu führt, dass man eine Welt für Autos geschaffen hat, anstatt beispielsweise einer Welt, die unseren Kindern gerecht würde.

Eigentlich irrational

Der Mensch und sein Auto stehen immer länger im Stau.
Aber der Mensch verliert nicht nur die Zeit im Stau, sondern er geht mittlerweile sechs bis sieben Wochen arbeiten, nur um sich den Autoverkehr leisten zu können!

Es dreht sich dabei ja nicht nur um das Auto und die Kosten die es unmittelbar verursacht, sondern eben auch um die indirekten Kosten wie den Bau der Infrastruktur, Kosten der Überwachung, Krankenhauskosten etc.

Wenn man das umrechnet, dann hätte man eigentlich fast zwei Monate Urlaub, anstatt ein Auto zu haben, und würde in einer gesunden Umgebung leben.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Ob in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, die Haushalte geben ungefähr 15 % ihres Einkommens für den Autoverkehr aus, aber nur 11-12 % davon für die Kinder.

Das Auto ist dem Menschen immer näher als jeder zweite andere Mensch. Das klingt zwar etwas sozusagen hart, aber es ist die Realität.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Mehr Tote als durch Terrorismus

Weltweit sterben etwa 1,2 Millionen Menschen pro Jahr im Straßenverkehr, 50 (!) Millionen Menschen werden bei Verkehrsunfällen verletzt.
So viel Elend produziert der so gefürchtete Terrorismus nicht.

Wäre das so, wären längst Maßnahmen zur Eindämmung getroffen, aber die Verkehrsunfallstatistik wird, wie bei Süchtigen, mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen.

Das wäre ein Aufschrei und alle Staaten würden alles unternehmen, damit dieses Abschlachten, Töten und indirekte Umbringen von Menschen sofort verhindert wird. Aber das Auto im Kopf sagt: Das ist ja wunderbar. Wichtig ist, dass ich mich bewegen kann.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Elektromobilität ist keine Lösung

Die von vielen als Heilsbringer beschworene E-Mobilität ist genau genommen auch keine Lösung:
Der Verbrennungsmotor ist natürlich durchaus ein Umwelt-Problem in der Stadt, aber die E-Mobilität löst nicht das Platzproblem, welches das Kernproblem eines Staus ist. Die E-Autos sind keinen Millimeter kleiner als die Verbrenner!

Dank der Akkus werden diese Autos tendenziell auch etwas schwere werden, was dazu führt, das es womöglich nicht einmal ruhiger in der Stadt wird, denn dass wird dann lediglich durch die stärken Reifengeräusche, der darüber hinaus noch hauptverantwortlichen für Feinstaub in der der Stadt, ersetzt.

Mensch als Fracht

Autonomes Fahren würde den Menschen am Ende komplett zur Fracht degradieren.

Dergleichen kennen wir als „ÖPNV“ durchaus schon, daher fehlt auch ein vernünftiges Argument dafür, warum das jetzt alle einzeln in fahrenden Kabinen tun sollen?

Autonome Autos könnten dann dichter hintereinander fahren, würden unter sich Unfälle vermeiden, weil sie vernetzt sind und wissen wohin sie fahren.

Wo aber überquert der Mensch die Straße wenn die autonomen Autos Stoßstange an Stoßstange fahren?
Die Stadt müsste noch autogerechter werden, der Mensch würde noch weiter aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Die Lösung ist ja nicht kein Auto, sondern die richtige Dosis.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Ungefähr 85 -95 % aller Autofahrten dienen nicht dem Lastentransport.
Nur auf etwa 8-10% aller PKW-Fahrten wird mehr Last transportiert als ein Fußgänger, Radfahrer oder ÖPNV-Nutzer transportiert.

Der Parkplatz vor der Tür

„Lieber das Auto vor der Tür als das Rad aus dem Keller“, so könnte man das Sprichwort umformen, wenn wir untersuchen, warum das Auto genutzt wird:

Der Parkplatz vor der Tür oder am Ziel ist noch immer oft kostenlos oder mit so geringen Gebühren behaftet, dass ein anderes Transportmittel kaum in Erwägung gezogen wird.
Also nimmt der Mensch einfach das Auto vor der Tür.

Eigentlich müssten Stellplatz auf öffentlichem Grund dreistellige Summen im Monat kosten. Damit würden auch klamme Stadtkassen schnell wieder flüssig, wenn sie so die wahren Kosten des Autoverkehrs auch einfordern würden.

Aber das Auto in den Köpfen der Politiker erlaubt das nicht. Das ist das Problem.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Verknappung und Verteuerung von Parkplätzen ist die einzige Methode, die den Verkehrsanteil des Autos wirklich senken kann, das zeigen international die Beispiele von Wien oder z.B. Kopenhagen.

Beide Städte beweisen auch, dass das durchaus funktioniert, wenn der ÖPNV gleichsam gut ausgebaut ist.
Ohne dessen Ausbau hat die Maßnahme natürlich wenig Sinn!

Urban Sprawl

Der Autoverkehr an sich produziert noch zwei andere, schädliche Trends für den städtischen Raum:

Der eine ist der „Urban Sprawl“, die Zersiedelung. Da bedeutet, die Menschen siedeln sich immer weiter außen an und werden zu Pendlern, weil sie ja die Entfernung mit dem Auto gut überbrücken können, was aber heutzutage zu Verkehrsproblemen bei der Fahrt zur Arbeit führt.

Der andere ist die Konzentration auf autogerechte, zentralisierte wirtschaftliche Strukturen, also z.B. Einkaufszentren, zu denen der einzelne immer weitere Strecken zurücklegen muss, weil es in der direkten Umgebung schlicht nichts mehr gibt.

Dabei beweisen viele Beispiele durchaus, das autoarme oder autofreie Innenstädte oder Einkaufsstraßen durchaus den Umsatz der ansässigen Geschäfte erhöhen können.

[..] die Geschäfte machen einfach wesentlich mehr Umsätze, weil, pro Quadratmeter Fläche kann ich wesentlich mehr Brieftaschen in Fußgängern unterbringen als in geparkten Autos. Da ist ja meist überhaupt kein Geld drin.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Menschlicher Maßstab

Städte und Stadtplanung müssen wieder zurück zum menschlichen Maßstab finden, also eine Entschleunigung herbeiführen um diese Effekte zu minimieren oder rückgängig zu machen.

Wir sind als Mensch nicht auf die Wahrnehmung von Details bei hohen Geschwindigkeiten, also allem was das natürliche Tempo eines Fußgängers überschreitet, eingerichtet.

Um bei hohen Geschwindigkeiten noch angemessen reagieren zu können muss die Umwelt vereinfacht werden, es entsteht also eine Autobahn, auf der faktisch nichts mehr stattfindet außer der Fahrt an sich. Alle anderen sind ausgesperrt und weggeblendet, können diesen Raum auch nicht mehr nutzen.

Also, die dümmsten Studenten können eine Autobahn projektieren, aber nur die begabtesten sind in der Lage, eine gute Fußgängerzone zu planen.

Prof. Hermann Knoflacher, TU Wien

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

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