Hauptstadt des geteilten Fahrens?

Ist Berlin tatsächlich die deutsche „Sharing-Hauptstadt“ oder steht von dem Kram hier bloß am meisten rum?

Mieträder

Radfahrer freuen sich über das Angebot, Fußgänger kritisieren zugestellte Gehwege. In Berlin stehen mehr als 15.000 Mietfahrräder zur Verfügung.

So viele Mieträder und Carsharing-Autos gibt es in Berlin, Berliner Zeitung

Da muss ich gleich mal ein gerüttelt Maß widersprechen:
Ich freue mich allenfalls über die Möglichkeit ein Lastenrad zu leihen, doch die 15000 Leihräder in der Stadt lassen mich eher kalt.

Der Grund ist denkbar einfach: Als Radfahrer habe ich natürlich ein Fahrrad und brauche in Berlin also kein anderes als eben meins, zumal Leihräder am Stadtrand quasi nicht anzufinden sind.

Dort könnte sie manch Berliner aber am ehesten mal gebrauchen: Aus der Wohnsiedlung bis zum S-Bahnhof oder gleich in die Innenstadt zu fahren macht Sinn.
Da könnte selbst ich darüber nachdenken ob ich nicht ein Leihrad nehme und zur S-Bahn fahre, um nicht mein eigenes Fahrrad dem Diebstahlrisiko am Bahnhof aussetzen zu müssen.

Doch da die meisten Anbieter verlangen, das Rad im S-Bahnring wieder abzustellen und die FreeFloater ihre am Stadtrand gestrandeten Räder sehr schnell selbst wieder in die Innenstadt befördern, damit sie nicht herumstehen, bleibt das eine Utopie, denn sie sind für den Berliner am Stadtrand quasi nicht verfügbar.

Bin ich erst mal in der „Innenstadt“, brauche ich auch kein Mietrad, E-Scooter oder E-Motorroller mehr, denn im S-Bahnring ist die Haltestellendichte so hoch, dass es für die letzten paar Meter, die die „letzte Meile“ hier häufig lang ist, sich nicht lohnt irgendwas zu mieten.

Berliner sind auch „Einpendler“

Der Ansatz, dass viele Berliner ja durchaus das Heer der Einpendler aus Brandenburg verstärken, weil sehr viele von ihnen außerhalb der magischen Grenzen des S-Bahn-Rings Berlins leben, wird gerne und oft übersehen: Kaum einer am Stadtrand arbeitet in unmittelbarer Nähe, die meisten fahren irgendwohin zur Arbeit.

Verkehrsreduktion muss also schon am Stadtrand beginnen und deshalb müssen auch dort Alternativen zum Auto geschaffen werden, was eben nur mit mehr ÖPNV und einem größeren Sharing-Angebot möglich wäre.

Das ist aber wohl nur durch Reglementierung zu erreichen.

Car-Sharing

Da sieht es recht ähnlich aus: Viele der nun 2400 Fahrzeuge sind an Miet- und Abstellzonen gebunden, die den Einwohner am Rande der Stadt, der das Auto vielleicht gerne nutzen würde, außen vor lassen.

Wer erst ein paar Kilometer irgendwie anders zurücklegen muss, um überhaupt ein Auto zu mieten, bleibt gleich in dem Verkehrsmittel, dass er bis dahin gewählt hat, sitzen und fährt durch oder bleibt beim eigenen Auto.

E-Scooter

Wer nach den Sommerferien noch die E-Scooter benutzt, wird sich erst noch zeigen.

Grundsätzlich sind hier dieselben Dynamiken zu erwarten wie bei den anderen Sharing-Arten auch:
Am Stadtrand kaum verfügbar, in der Innenstadt reichlich vorhanden.

Darüber wird man später befinden müssen, die Geräte sind noch zu frisch auf dem Markt.

Sondernutzung

Auch wenn es schmerzt, ich gehe mit dem Abgeordneten der AfD in diesem Punkt konform:

Es sollte erwogen werden, Gebühren für die Nutzung des öffentlichen Straßenlandes durch Sharinganbieter zu erheben[…] Es ist nicht einzusehen, warum von der zusätzlichen Verstopfung der Straßen nur die Unternehmen profitieren sollten und nicht auch die Landeskasse.

Frank Scholtysek (AfD)

Wenn wir über eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung reden und Sharing-Anbieter davon ohnehin ausgenommen sind, darf man auch eine pauschale Sondernutzungsgebühr von Sharing-Unternehmen für die Nutzung von öffentlichen Flächen für ihr Geschäft verlangen. Alles andere wäre hier wirklich ungerecht.

Das würde vermutlich auch z. B. das gefühlte Überangebot an Mieträdern regulieren, die ich als Alltagsradler subjektiv in bedeutend größerer Stückzahl rumstehen sehe, als das ich Menschen die sie nutzen wahrnehme.

Andere Modelle

Deutlich nachhaltiger und ohne die Konsequenzen ungenutzt herumstehender Räder ist Swapfiets:
Sozusagen das „eigene Mietrad“, das einem, solange man es gemietet hat, immer zur Verfügung steht und für dessen Wartung und Reparatur Swapfiets sorgt. Sogar Schlösser sind dabei und die Versicherung des Rades ist geregelt. Die Miete lässt sich zu jedem Monatsende kündigen.

Damit hat man also keine Mühe mehr, braucht keine App irgendeines Anbieters und ist flott und unbegrenzt auf dem Rad mobil.

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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