Was uns an E-Scootern eigentlich aufregt…

E-Scooter polarisieren die Menschen, das geschieht nicht von ungefähr sondern hat viele Facetten.

Phantomdiskussion

Natürlich gibt es zum einen eine Phantomdiskussion, die vor allem die Autolobby freut, weil sie vom eigentlichen Thema ablenkt und die Autofahrer in scheinbarer Sicherheit wiegt:

Es wird in Deutschland ernsthaft über die Gefährlichkeit von E-Scootern diskutiert unter kompletter Aussparung jenes Geräts, das die Gefahr wirklich verursacht – des Autos. Das ist ungefähr so, als würde man Menschen zwingen, Kreuzworträtsel im Tigerkäfig zu lösen, und wenn sie sterben, eine Diskussion über die Gefährlichkeit von Kreuzworträtseln anzetteln.

Gegenwehr aus Gewohnheit, Sascha Lobo Spiegel-Online

Wenn es wirklich nur so wäre, wäre das in der Tat fatal und ginge am Thema vorbei. Doch das ist nur ein Teil der Wahrnehmung dieser Diskussion, die noch ganz andere Aspekte hat, die man aus der Netzwelt heraus vielleicht tatsächlich nicht so wahr nimmt.

Auto als Verursacher

Ganz klar: Hauptverursacher von Unfällen im Verkehrsgewühl unserer Zeit ist der motorisierte Güter- und Individualverkehr, die in der Mehrheit aller Gelegenheiten auch Hauptverursacher sind.

Die international übliche Messgröße sind Tote je 100 Millionen Personenkilometer, und da ist die Wahrscheinlichkeit, als Fußgänger zu sterben, acht Mal höher als im Auto. Und immer noch 50 Prozent höher als mit dem Fahrrad.

Gegenwehr aus Gewohnheit, Sascha Lobo Spiegel-Online

Doch wie wir wissen sind die Deutschen mit beinahe religösem Wahn dem Auto verfallen und ereifern sich in höchstem Maße, sobald man ihnen einen Parkplatz wegnehmen oder ein Knöllchen verpassen will.

In der Diskussion bekannt z.B. durch die Versatzstücken „… trug keinen Helm…“ oder „… Radfahrer fahren alle bei Rot…“.
Schuld ist natürlich immer der andere, davon lenkt man gerne ab, wenn man der „Autoreligion“ anhängt.

Mich persönlich nerven selbstverständlich jene Radler, die an der „selektiven Rot-Grün-Sehschwäche“ leiden – wie ich es bezeichne – denn an viel befahrenen Kreuzungen klappt die Wahrnehmung roter Farbe ja oft doch.

Bei der weiten Verbreitung von Führerscheinen in der Bevölkerung ist allerdings auch oft anzunehmen, und durchaus auch wahrnehmbar, dass Verkehrsteilnehmer ihre schlechten Gewohnheiten beibehalten, egal welches Fahrzeug sie führen.

Infrastruktur

Der nächste Punkt ist die Infrastruktur, die sich derzeit etwa so darstellt:

Was das Bild ncht beinhaltet ist die Tatsache, dass auf den Gehwegen auch viele Radwege verlaufen, Leihräder abgestellt sind und eben neuerdings auch E-Scooter. Die Gehweg-Parker wollen wir natürlich nicht vergessen.

Die E-Scooter wurden vom BMVI einfach mal zugelassen ohne dass es für sie überhaupt ausreichend Infrastruktur gäbe, ganz so, um in Lobos Bildsprache zu bleiben, als genehmigte man Züge ohne dass es Gleise gäbe.

Dummerweise ahnte auch sofort jeder, der sich täglich in Berlin bewegt, das sich die Scooteristen nur selten an das Gehweg-Verbot halten würden, denen sind schlicht auch die Radwege häufig zu räudig um sie benutzen, was bei ihrer Radgröße kein Wunder ist.

Regelungen schaffen ohne sie zu kontrollieren ist halt total sinnlos…

Jeder Meter, der mit E-Scootern oder Fahrrädern zurückgelegt wird, erhöht den Druck auf das Transportsystem „eigenes Auto“, auf dessen Altar sich im 20. Jahrhundert sämtliche Städte selbst geopfert haben.

Gegenwehr aus Gewohnheit, Sascha Lobo Spiegel-Online

Verteilung

Ein wesentliches Problem für die „Abschaffung“ des eigenen Autos wäre die Verfügbarkeit von Alternativen dazu.

[…] in der Zwischenzeit wird die Mikromobilität – mit ihrer Urgroßmutter Fahrrad und dem jüngsten Spross E-Scooter – durch ihre schiere Präsenz Städte verändern. Diesmal wirklich. Und das liegt an einer der edelsten Folgen des Fortschritts: Die Gesellschaft beginnt, die Alternativlosigkeit bisheriger Technologien infrage zu stellen. Zum Beispiel die des eigenen Autos.

Gegenwehr aus Gewohnheit, Sascha Lobo Spiegel-Online

Hier irrt Sascha Lobo, denn die Scooter werden überwiegend von Menschen genutzt, die ohnehin sonst zu Fuß gegangen wären oder den ÖPNV genutzt hätten.
Es wird also zusätzlicher motorisierter Verkehr erzeugt.

Das Auto lässt dafür niemand stehen, was schon mit dem allgemeinen Verteilungsproblem von E-Scootern und den meisten Leihrädern zusammenhängt:
Während ich am Brandenburger Tor beinahe jede mögliche Art des neuen Verkehrs benutzen kann, finde ich am Stadtrand vor meiner Tür oder im Viertel allgemein gar keinen Scooter.
Gelegentlich findet man mal ein Lime- oder Uber-Rad, aber nicht im geringsten zuverlässig und täglich verfügbar.
Keine Chance damit zur nächsten S- oder U-Bahn zu kommen.

Es ist halt nicht rentabel die Dinger in den Außenbezirken zu platzieren und so geschieht es ungeregelt auch nicht.

Umwelt

Naturschützer sehen die umweltfeindlichen Akkus und die Erhöhung des Müllaufkommens.

Gegenwehr aus Gewohnheit, Sascha Lobo Spiegel-Online

Als Radfahrer interessiert mich schon die Nachhaltigkeit des Verkehrsmittels an sich.
Es ist für mich und auch nach heutigem Stand der Technik undenkbar Geräte zu bauen, die im Durchschnitt nur zwei Monate halten und weder repariert noch vernünftig recylebar sind.
Geräte die auch nicht repariert würden, weil das ja für das Unternehmen „teuer“ wäre uns alle aber Umwelt kostet.

Das kann man anders herstellen und nutzen, der derzeitige Nutzungs-Stand bei den E-Scootern entspricht aber eher dem eines Coffee-To-Go-Bechers.
Das ist schlicht Unfug und eben keine Revolution.

Das finde ich schon am Smartphone schlicht Scheiße und ich werde deshalb definitiv weiter beim Radfahren bleiben, anstatt so einen Scooter zu benutzen. Auch auf Reisen.

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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