Rettet ein Fahrrad-Helm Leben?

Wer nach einem Sturz oder Unfall seinen kaputten Helm sieht, meint oft, dieser habe ihn vor Schlimmeren bewahrt. Ist das wirklich so?
Ein paar Fakten dazu.

Aufflammende Diskussionen

Immer wieder flammen Diskussionen auf, die Menschen dazu auffordern einen Helm zu tragen mit der pauschalen Behauptung, das „Helme Leben retten“.

Bevor wir uns missverstehen:
Wer einen Helm tragen möchte, soll das nach wie vor tun!
Möglicherweise schützt er auch vor einer Verletzung.

Doch ob ein Helm schlimmeres verhindert hat oder gar das Leben gerettet hat, kann man nur am Einzelfall selbst prüfen, denn es gibt schlicht objektive Anzeichen, ob ein Helm „gearbeitet“ hat oder nur kaputt gegangen ist.

Ich selbst gehöre zu den gelegentlichen Helmträgern und sehe ihn vor allem als Schutz vor selbst „verursachten“ Stürzen.

Der Rad-Unfall dagegen erfolgt in der Stadt zumeist von der Seite.
Egal ob mich dann ein LKW überrollt oder es der klassische Rechtsabbieger-Unfall ist: Der Schaden entsteht hier vor allem unterhalb des Kopfes und erzeugt Scherkräfte zur Seite, die auf die Halswirbelsäule wirken, die der Helm nicht schützt.
Sein Gewicht erhöht aber definitiv die dabei entstehenden Kräfte.

Wie behält man also in der Diskussion einen kühlen Kopf?

Fakten dazu

Helme werden auf eine ganz bestimmte Weise getestet, die eine Unfallart voraussetzen, die dem normalen Radfahrer eigentlich so gut wie nie passiert, solange er nicht an Downhill-Rennen in den Alpen teilnimmt.
Selbst dann ist es unwahrscheinlich, das der Kopf alleine mit dem Helm unterwegs ist und die Fahrer solcher Rennen tragen auch definitiv andere Helme als wir Alltagsradler.

Helme sind darauf ausgelegt, bei Fallgeschwindigkeiten von 5,5 m/s auf den oberen Teil des Helmes die maximal auftretende lineare Beschleunigung unter 250 g zu halten, sofern nur 5 kg Gewicht insgesamt fallen, so ist es definiert (Radhelme und ihre Normen, Hansmeier, 2001).

Die Sache mit dem Helm, Berlin, Fahrrad-City

Die immer wieder hier aufgeführte „Seattle-Studie“ ist längst ihrer Fehlerhaftigkeit überführt, nach der 85% der Kopf- und 88% der Hirnverletzungen durch einen Helm verhütet werden könnten.

Belegbare Fakten sind aber, dass nach einer Einführung der Helmpflicht die Zahl der Radfahrenden signifikant schrumpft, aber nicht die Zahl der Unfälle (Australien, Kanada) in den Niederlanden aber bei weitaus größerem Anteil von Radfahrenden und keiner Helmpflicht sogar insgesamt deutlich weniger Unfälle mit Radfahrenden passieren als in Deutschland.

Dagegen kommen auf jeden toten Radfahrer 4,5 Autofahrer mit tödlichen Kopfverletzungen.

Hat der Helm geholfen?

Ob der Helm seine Wirkung überhaupt entfaltet hat, ist dagegen nur im konkreten Einzelfall zu ermitteln indem man sich den Helm danach genau ansieht.

Fahrrad-Helme bestehen entweder fast ganz, oder zu großen Teilen aus Polystyrol (landläufig „Styropor“), welches durch Kompression die am Kopf auftretenden Kräfte minimieren soll. Einmal kräftig gepresstes Polystyrol kehrt danach nie wieder komplett in seine Ausgangsform zurück, wie jeder zu Hause an einem Verpackungs-Teil leicht nachvollziehen kann.

Ist also nach einem Sturz oder Unfall der Helm kaputt, aber das Material nicht zumindest teilweise stark komprimiert, hat er auch keine schweren Kopfverletzungen verhindert. Es wäre nicht viel „schlimmeres“ passiert.

Der Fahrrad-Helm an sich richtet sich letztlich nur gegen die äußeren Verletzungen des Kopfes, vermindert aber weder die Bewegung des Gehirns im Schädel noch andere Scherkräfte die zu einem tödlichen Ausgang oder langfristigen Behinderungen führen.

Most crashes leading to death or long-term disability involve rotational, or diffuse, forces. These differ from direct, or linear, forces in that it is insufficient to protect just the surface of the skull to prevent harm. It is necessary also to prevent the brain moving within the skull. Current cycle helmets are not designed to mitigate rotational forces and therefore offer very little protection against most life-threatening injuries.

A helmet saved my life!, cyclehelmets.org

Wer ist für Helmpflicht?

Das man das Problem gerne vom Verursacher auf das Opfer abschiebt, ist im Verkehr ja nicht selten. So wundert einem das folgende Zitat auch wenig:

Die Mehrheit der Deutschen (61 Prozent) spricht sich für eine generelle Helmpflicht für Fahrradfahrer aus. Dabei sind es vor allem diejenigen, die die selber kein Rad fahren, die sich positiv diesbezüglich äußern. Fast drei Viertel (72 Prozent), sprechen sich für eine Helmpflicht aus.

Die Mehrheit der Deutschen ist für die Einführung einer generellen Helmpflicht für Fahrradfahrer, YouGov.de

Es ist aus Sicht der Autofahrenden nur allzu bequem ihr Fehlverhalten auf fehlende Neon-Warnwesten, „zu schnelle“ Radfahrer und fehlende Helme abzuschieben.

Doch auch gerade hier bleibt die Frage, wieso das zum Beispiel in den Niederlanden und in Kopenhagen auch ohne dieses Zubehör funktioniert?

Die Antwort ist einfach: Es fehlt in Deutschland an strenger Reglementierung der Verkehrsart, die die meisten tödlichen Verkehrsunfälle produziert und Ordnungswidrigkeiten wie falsches Parken und überhöhte Geschwindigkeit dominiert… dem motorisierten Individualverkehr.

Am Ende

Am Ende sollte man eines nicht vergessen:
Auf fast jedes Erlebnis, bei dem der Helm „schlimmeres verhindert“ haben soll oder hat kommt ein Autofahrender, der es verursacht hat.

Bei einem Zusammenprall – in drei Viertel dieser Unfälle ist der Autofahrer schuld – werden bei Tempo 30 nur 10 Prozent der schwächeren Verkehrsteilnehmer, bei Tempo 50 aber 80 Prozent getötet.

Gefährlicher Kopfschutz, taz

Noch wirksamer als mit einem Helm könnte man Unfallprävention also dahingehend betreiben, den Verursachern ans Leder zu gehen.

Jeder, der einen Helm tragen möchte, aus welchem Grund auch immer, soll das aber bitte gerne weiterhin tun!
Achtet bitte auch darauf, dass er dann richtig getragen wird!

Wer einen Helm trägt…

  • … sollte ihn richtig tragen.
  • … sollte ihn wenn er runterfällt austauschen.
  • … sollte keine Mütze darunter tragen.
  • … sollte trotzdem anständig Radfahren!
  • … sollte auch mit ihm die StVO beachten.

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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