Das Auto überwinden

In Deutschland kommt die Verkehrswende auch deshalb viel zu langsam voran, weil die Menschen hier oft mit dem Auto verwachsen sind.

Der Verkehr ist ein Problem

Unstrittig ist bei allen Verkehrsteilnehmern, dass der Verkehr ein Problem ist: Autos stehen im Stau, Fußgänger kommen nicht über die Straßen, Radfahrende haben zu wenig Platz, der ÖPNV ist überlastet und der Bus bleibt im Autoknäuel tagtäglich stecken:

Das entscheidende an dem Tweet ist, das insbesondere Autofahrende oft und gerne sagen „…ich würde ja auch mit dem Bus fahren, wenn der mal pünktlich käme…“ ohne zu realisieren, dass sie ein Teil des Problems sind, wenn sie selbst mit dem PKW im Stau stehen oder die Busspur kilometerlang zum Parken und Rechtsabbiegen benutzen.

Der Berliner ÖPNV gilt sogar international als sehr gut.

Frontscheibensicht

Autofahrende sehen die Welt durch die Frontscheibe und durch die sieht man vorwiegend Hindernisse.
Still auf einem Sitz hockend die Welt um sich herum beeinflussen wollend müssen sie realisieren, dass die Wirklichkeit inzwischen keinen inneren Zusammenhang mit der Werbung der Fahrzeug-Industrie hat.

Natürlich schiebt man so auch schnell Frust und ärgert sich maßlos, dass alle anderen scheinbar vorankommen, nur man selbst mit seiner tollen Blechkiste scheint fest zu sitzen.
Da wird dann auf jedem Meter auf dem es rollt eben gerast, Regeln missachtet und falsch geparkt was das Zeug hält: Man hat ja eh schon so viel Zeit verloren…

Der deutsche Fahrer ist auch ein Romantiker, verzaubert von der Potenz seiner Ich-Kapsel, getrieben von der unstillbaren Sehnsucht, all seine überschüssige Power einmal auszufahren. Mit seinem Freiheitswillen möchte er die Welt erobern, um sich seiner selbst zu vergewissern. Es ist die wirkliche Welt, die Verkehrslage, die ihn daran hindert, sein Ideal zu realisieren. Es sind immer die anderen, die Schleicher und Sonntagsfahrer, die ihn ausbremsen.

Die deutschen müssen das Auto loswerden, Zeit-Online

Zeit verloren… genau das ist das Stichwort: Wieso setzt man sich einem Prozedere aus, bei dem man regelmäßig verliert?

Man käme ja nicht ohne Auto von A nach B und die kranke Oma und die Bierkiste muss ja auch bewegt werden sind so die Standardantworten.

Das gleicht Aussagen wie „zum Schweinebraten trinkt man Bier“ und „nach dem Essen muss man eine Rauchen“.
Genau: Suchtverhalten.

Das E-Scooter-Phänomen

Mal abgesehen davon, dass die E-Scooter tatsächlich ein total unnötiges Mobilitätssystem sind, weil sie Fußgänger zu motorisierten Verkehrsteilnehmern machen, die vorher schlicht gelaufen wären, ist der stete Narrativ und auch die Regelung durch den „Verkehrsminister“ dabei viel interessanter:

Angesichts der Mengenverhältnisse ist die Massenhysterie, die da plötzlich herrscht, eigentlich nur mit dem bewusstseinsverändernden Genuss von zu vielen Autoabgasen zu erklären – rational ist sie nicht. Gerade mal ein paar Tausend von den Dingern cruisen durch die Stadt oder stehen uns auch mal im Weg. Ein paar Tausend E-Scooter in einer Stadt von mehr als dreieinhalb Millionen Einwohnern. Logo, das ist ein Riesenproblem!

Nicht der E-Scooter ist pevers, sondern die Situation in der er fährt, Der Tagesspiegel

Nicht erwähnt wird in dem Zitat die Menge von ca. 1,5 Millionen Autos in der Stadt, die sogar vorwiegend 23 Stunden am Tag herumstehen, die Straßenränder und Plätze verstopfen…

Wie schon im Beispiel mit dem Bus, der im Stau steht, aber am Ende behauptet wird er fahre permanent unpünktlich, regt sich kaum einer über die Millionen Blechkisten am Straßenrand auf und er E-Scooter ist der allgemein Schuldige.

Richtig ist: Alles außer dem Auto darf sich den mickrigen Rest der Verkehrsinfrastruktur teilen, der nicht dem Auto zur Verfügung steht.
Und selbst auf diesem mickrigen Rest stehen mittlerweile überall Autos herum!

Fakt ist: der Autoverkehr muss für den zunehmenden Verkehr anderer Verkehrsarten Platz abgeben: Busspuren, Radwege, Fußgängerzonen, Parkzonen für Räder und E-Scooter!

In Deutschland sind Radfahrer Mitwirkende eines Experiments, bei dem die Benutzer unterschiedlichster Verkehrsmittel auf engem Raum aufeinander losgelassen werden, neuerdings bereichert durch Elektro-Stehroller. Deren Verwendung als Funsportgerät auf Straßen und Radwegen wurde im naiven Glauben genehmigt, die kippeligen Dinger könnten einen Beitrag leisten zur Lösung von Verkehrs- und Platzproblemen in den Städten. Zwar hat sich herausgestellt, dass sie nur neue schaffen, doch hat ihre Anwesenheit für Radfahrer vielleicht auch ein Gutes: Im Unterschied zum E-Scooter wird das Fahrrad wieder verstärkt als das seriöse Verkehrsmittel wahrgenommen, was es zweifellos ist, dazu alltagstauglich trotz all der widrigen Umstände, mit denen es zurechtkommen muss.

Wie viel Fahrrad darf’s denn sein?, Frankfurter Allgemeine

Weg vom Auto und seiner Sicht

Was Berlin und mindestens alle anderen Städte des Landes brauchen, sind eine Abkehr von der Sicht durch eine Frontscheibe hin zu einer Sicht die die Menschen sinnvoll von A nach B bringt.

Das Fahren ohne Limit, der unendliche Fahrspaß, das durchgedrückte Gaspedal: Das ist eine deutsche Illusion von Freiheit, von Macht und Überlegenheit, die anderen zur Gefahr wird.

Die Deutschen müssen das Auto loswerden, Zeit-Online

Damit überhaupt wieder Verkehr in der Stadt stattfinden kann, muss der Infarkt durch die tägliche Pendelei mit dem Auto zur Arbeit gebrochen werden und den anderen Verkehrsarten Raum gegeben werden, der vorher dem Auto zur Verfügung stand:
Parkplätze müssen wegfallen oder für andere Verkehrsarten umgewidmet werden, Straßen müssen für motorisierten Verkehr gesperrt werden und die Vormacht-Regelung des „Stärkeren“ im Auto wieder gebrochen werden zu Regelungen, die die Schwächeren schützen.

Wenn Deutschland wirklich vorankommen will, dann muss es die Herrschaft der Fahrerperspektive brechen – und das deutsche Automobil überwinden. Unsere Freiheit realisiert sich nicht bei Tempo 200 auf der Autobahn, sondern in einer intelligenteren Mobilität, in einer neuen Leichtigkeit des deutschen Fahrens, ohne Bleifuß auf dem Gaspedal.

Die Deutschen müssen das Auto loswerden, Zeit-Online

Trotz all der Widrigkeiten im jetzigen Stadtverkehr steigen immer mehr Menschen auf das Fahrrad und das Pedelec um.

Diejenigen davon, die mir begegnet sind, haben eins gemeinsam: Keiner meint, die Fahrtzeit auf dem Rad sei Zeitverlust, sondern es sei ein Gewinn und eben auch zuverlässiger als der Bus, der im Stau der anderen steckt.

Diese Erkenntnis muss in unsere Köpfe wandern:
Es sind nicht in erster Linie zu wenig Busse oder Bahnen oder zu viele Baustellen auf den Straßen Schuld, wenn selbst Menschen, die nicht das Auto benutzen, nicht mehr pünktlich zu Arbeit kommen, sondern die vielen PKW die im Berufsverkehr die Straßen verstopfen und mit ihrem Transport-Egoismus und vielen Ordnungswidrigkeiten allen anderen der Weg versperren!

Reisen bildet, heißt es so schön. Und ja, es stimmt. Alle, die während der Ferien im benachbarten Ausland unterwegs waren, dürften lehrreiche Eindrücke mit nach Hause genommen haben. Länder mit intaktem Schienenverkehr? Es gibt sie. Straßen müssen nicht in einem so desolaten Zustand sein wie daheim. Es besteht auch kein Zwang, Böschungen als Müllhalde zu benutzen und Rastplätze in hygienische Notstandsgebiete zu verwandeln. Man kann sich im Auto in einem entspannt gleitenden Fahrstil einrichten und trotzdem flott vorankommen.

Wie viel Fahrrad darf’s denn sein? , Frankfurter Allgemeeine

Quellen:

Regeln haben im Straßenverkehr zur Zeit kaum eine Bedeutung…

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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