Verkehr: Es gibt zu viele Autos!

Wenn man das in Deutschland laut sagt, gilt man schnell als Autohasser, besonders bei Autofahrenden. Doch noch mehr Autos lösen den Stau ja auch nicht auf, oder?

Autos sind nützlich

Auch in Zukunft wird es Autos auf unseren Straßen geben. Ich bin nicht Anti-Auto, sondern Pro-Stadt. Ich bin aber der Meinung, dass wir zu viele Autos in unseren Städten haben. […] Wir sollten stattdessen anfangen, die Dinge zu nutzen, die wir bereits erfunden haben: öffentlicher Nahverkehr, Fahrräder, Fußgängerwege.

Mikael Colville-Andersen, kanadisch-dänischer Stadtplaner

Autos sind durchaus nützlich. allerdings sind es weniger die privaten PKW, die durch ihre Nützlichkeit gefallen, sondern eher Autobusse, LKW und Lieferwagen aller Art, die für die öffentliche Grundversorgung und das Wirtschaftsleben allgemein sorgen.
Das sind etwa 30-40% des Verkehrsaufkommens, sagt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI).

Schätzen Sie doch mal, wie viel Prozent der Zeit ein Auto im Durchschnitt am Tag benutzt wird? Fünf Prozent. Da gibt es also diese Milliarden Haushalte (weltweit, Anm. der Redaktion), die 1,2 Milliarden Autos besitzen, dafür manchmal 20 bis 30 Prozent ihres Monatsbudgets ausgeben, und dann stehen diese Fahrzeuge 95 Prozent ihrer Zeit herum. Das ist völliger Schwachsinn.

Heiko Schilling, Verantwortlicher Daten und Software bei TomTom

Zauberten wir also spontan aus dem Stau auf der Stadtautobahn und dem Stadtverkehr die 60-70% Autos des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) – also z.B. alle PKW – einfach weg, würden die verbliebenen Gewerbefahrer wahrscheinlich erst einmal verblüfft auf den Kalender sehen, ob sie nicht versehentlich am Wochenende losgefahren sind.
Der Stau wäre weg und viele andere Park- und Verkehrsprobleme der Stadt durch Kraftfahrzeugverkehr hätten sich spontan und ohne einen Euro auszugeben erledigt.

Natürlich ist das eine Hypothese und wenn überhaupt, wird es noch sehr lange dauern, bis das Wirklichkeit wäre.

Dennoch gibt es zu viele Autos:
Müsste man morgen spontan ganz Deutschland mit dem Auto evakuieren und verteilte die Bürger (ca. 85 Millionen) gerecht auf die vorhandenen Autos (ca. 42 Millionen), säßen die meisten nur zu zweit im Auto!

Auf der Welt gibt es heute rund 70 Millionen Kilometer Straße. Ein Auto braucht im Schnitt in der Länge sieben Meter, um sich fortzubewegen. Manche Straßen sind mehrspurig, das schafft mehr Platz. Aber man muss kein Mathematiker sein, um zu wissen: Der Platz ist endlich.

Heiko Schilling, Verantwortlicher Daten und Software bei TomTom

Verkehr anders aufteilen

Die autoorientierte Stadt- und Verkehrsplanung führt zu räumlicher Diskriminierung, Zeitenteignung, Verstärkung struktureller Gewalt und psychischer Herabwürdigung.

Meike Spitzner, Verkehrsforscherin am Wuppertal Institut

Wir wissen also längst, dass es so nicht mehr geht. Der Raum in den Städten ist begrenzt, die Schäden durch Luftverschmutzung, Lärm und Unfälle immens.
Die autogerechte Stadt ist eine grundsätzliche Fehlkonstruktion.

Wie schon am Anfang des Artikels zitiert, müssen wir anfangen all das zu benutzen, was wir schon längst erfunden haben aber zu Gunsten des Autos vernachlässigt haben:
Die Bahn, der ÖPNV, das Fahrrad und auch die Fußgänger sind Mobilitätsformen die es schon vor dem Auto gab und denen der Raum und die Förderung entzogen wurden.

Die Folgen davon sind eben auch Bürger, die wegen „des Verkehrs“ an den Rand und aus der Stadt heraus ziehen, weil es in ihr, nicht nur wegen hoher Mietpreise, nicht mehr lebenswert erscheint und fortan selbst als Pendler zum Verkehrsproblem der Stadt beitragen.

Die Lösung davon lautet allerdings nur sehr bedingt E-Mobilität, die wir zwar auch benötigen, aber ein 1:1-Austausch von Autos zu E-Autos löst keinen einzigen Stau auf. Er stinkt dann nur nicht mehr so.
Das ist aber derzeit das einzige private Verkehrsmittel, welches Sponsoring durch den Staat erhält.
Warum eigentlich nicht auch Pedelecs?

Der Staat und die Hersteller fördern schon heute gemeinsam den Kauf von Elektroautos mit bis zu 4.000 Euro. Warum nicht auch E-Bikes, die eine bessere Ökobilanz haben und weniger Platz in den Städten benötigen? Für 4.000 Euro könnte man sich sogar ein Lasten-E-Bike kaufen, mit dem sich auch Getränkekisten, Blumenerde und Kinder transportieren lassen.

Sören Götz, Ich fahre E-Bike. Ich bin eine Zumutung, Zeit-Online

Schließlich bedeutet jedes Auto weniger ja einen Erfolg insgesamt und ein Pedelec auch eine langfristige Verbesserung der CO2-Bilanz gegenüber dem Auto: Man zahlt keine KFZ-Steuern und mit Öko-Strom „betankt“ ist einem eine CO2-Steuer dann eben auch egal…

Wir sollten nicht auf die großen Klimakonferenzen warten. Wir können unsere Städte viel schneller transformieren als die ganzen Abkommen. Wenn wir durch eine kluge Infrastruktur in einem Jahr die Hälfte aller Autos aus Berlin bekommen, haben wir viel mehr für das Klima getan.

Mikael Colville-Andersen, kanadisch-dänischer Stadtplaner

Aber die Arbeitsplätze…

Das ist ja immer ein Hammer-Argument, wenn man eine Argument wider dem Auto äußert.

Tatsächlich wird wohl die von der Bundesregierung geplante Einstellung der EEG-Auflage auf den Strompreis zu Gunsten anderer unwírksamer Klimaschutzmaßnahmen in der Zukunfts-Industrie Windernergie zu weiterem Arbeitsplatz-Abbau führen. Damit ist sie auf demselben Weg wie die schon eingedampfte Solarindustrie.

Die Zahlen sind bestürzend: In nur einem Jahr sind in der Windindustrie insgesamt 26.000 Arbeitsplätze abgebaut worden und damit mehr, als insgesamt in der Braunkohle beschäftigt sind!

Lorenz Gösta Beutin, Klima- und Energiepolitiker der Linke-Fraktion

Dazu kommt noch, das in der Braunkohle am Ende gar nicht so viele Menschen wirklich arbeitslos sein werden:

Trotzdem erwarten die Forscher, dass der Arbeitsmarkt insgesamt nicht leiden wird. Zum einen, da manche Arbeitnehmer sowieso in den nächsten Jahren in Rente gehen. In der Braunkohleindustrie betrifft das laut offiziellen Zahlen bis 2030 etwa zwei Drittel der Beschäftigten. So werden dort zwar Stellen verschwinden, arbeitslos werden aber viel weniger. Auch in den Branchen Erdöl und Erdgas würden zwar etwa 26 Prozent der Jobs verschwinden. Das betreffe aber nur ein- bis zweitausend Beschäftigte, also vergleichsweise wenige.

Bedroht Klimaschutz den Arbeitsmarkt?, Zeit-Online

Die Situation in der Autoindustrie ist auch nicht ganz so prekär, wie es oft dargestellt wird: Zum einen fallen nicht alle Jobs dort durch die Umstellung zur E-Mobilität weg, zum anderen sind es teilweise ja auch Verwaltungsjobs, deren Inhaber auch in anderen Industrien arbeiten können.

Klimaschutz-Hater

Zuletzt noch was zu jenen, die meinen, wir bräuchten ja nix unternehmen, die anderen verpesteten die Luft ja viel mehr als wir:
Das Argument an sich klingt schon nicht nach Menschen, die früher freitags oder an anderen Wochentagen regelmäßig in der Schule waren:

Dazu kommt ja auch noch die Feststellung, dass wir, obwohl wir seit 1970 (!) von der nahenden Klimakatastrophe wussten, bis heute keine wundersame neue Technologie entwickelt, die die Menschheit retten wird.
Warum sollte das also jetzt auf einmal gelingen, ohne das es einschneidende Veränderungen in unserem Lebensstil gibt?
Wir haben auf Kosten aller, die bei „Fridays for Future“ heute demonstrieren gelebt, weil es uns scheißegal war.

Diese Klimatechnologiegläubigkeit hat auf verquere Weise letztlich nichts mit Technologie zu tun, das ist nur eine Chiffre, die auch lauten könnte: Wir warten auf ein Wunder Gottes, die Ankunft von Godot oder die Entdeckung von CO2-fressenden Einhörnern.

Sascha Lobo, Spiegel-Online

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

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