City-Maut: Wirksame Verkehrsreduzierung

Mit Radwegen und ÖPNV alleine wird eher kaum eine Verkehrsreduzierung erreicht. Wenn es Geld kostet, dann schon…

Grundsätzlich

Im Grunde sind wir uns zunächst mal alle einig, dass der Verkehr und die damit verbundenen Staus in einer Stadt wie Berlin nerven.

Insgesamt bemerkt man auch in den Städten, dass die Bürger selbst mehrheitlich für eine Verkehrsreduzierung sind, auch wenn sie vielleicht unterschiedliche Mittel dafür befürworten würden.

In München, so zeigen bislang unveröffentlichte Befragungsergebnisse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), würden knapp 55 % der Befragten Bürger einer autofreien Innenstadt eher zustimmen, während nur 31 % das eher ablehnen.

Komplett autofrei? Unsinn!

Berlin etwa im S-Bahnring komplett autofrei zu gestalten ist eher utopisch und auch wirtschaftlich schlicht Unsinn.

Es ginge aber durchaus große Bereiche vom Verkehr zu befreien, etwa nach Art der „Superblocks“, wie es sie in Barcelona gibt.

Die Befürchtung steht dann aber noch immer im Raum, dass dann die wenigen, frei befahrbaren Straßen in unfassbaren Stau-Chaos versinken könnten, weil der innere (Auto-)Schweinehund eben größer ist als der Wille zum Wechsel auf ein anderes Verkehrsmittel.

International nutzen Städte dafür sogenannte „finanzielle Maßnahmen“ zur Verkehrslenkung, also schlicht Maut-Systeme.
Die werden in Deutschland inzwischen auch durchaus vom Deutschen Städtetag befürwortet:

[..] Wir plädieren ausdrücklich dafür, einzelnen Städten die Möglichkeit zu geben, finanzielle Maßnahmen zu erproben, um den Verkehrsfluss in bestimmten Zonen zu lenken.

Helmut Dedy, Hauptgeschaftführer Deutscher Städtetag

System City-Maut

Deutschland ist, wie bei so vielen Sachen, Spätzünder, was eine solche Maut anbetrifft.
Seit 1975 Singapur diese zuerst einführte, haben bis heute z.B. folgende Städte verschiedene Maut-Regelungen eingeführt: Bergen, Oslo, Trondheim, Stockholm, Göteborg, Mailand, Bologna, Palermo, London, Tokio. Ab 2021 soll es auch in New York eine City-Maut geben.

Stockholm erhob im Jahr 2006 für zunächst sieben Monate probeweise eine Maut, deren Testergebnisse es bestätigen, dass man Flexibilität bei der Wahl der Verkehrsmittel nur erreicht, wenn das Autofahren in der Stadt Geld kostet:

In der Testphase ließ sich eindeutig feststellen, dass der Rückgang des Verkehrs mit der Maut zusammenhing. Ein klares Indiz dafür ist, dass nach Ende der Testphase die Zahl an Fahrzeugen wieder auf den ursprünglichen Wert anstieg. Während der Testphase wurde der Verkehr zu den Stoßzeiten am Morgen um 16 Prozent reduziert, am Abend sogar um 24 Prozent.

Wir brauchen eine Städtemaut, Zeit-Online

Die Maut dort wird von Montag bis Freitag zwischen 6:30 Uhr und 18:29 Uhr erhoben und beträgt 3,30 € pro Tour.
D.h. bei der Einfahrt werden 3,30 € fällig und bei der Ausfahrt ebenso, also 6,60 € für den täglichen Arbeitsweg.
Dafür wird das Kennzeichen an Kontrollstationen in der Innenstadt fotografiert und die Mautgebühren dem Fahrzeughalter am Ende des Folgemonats in Rechnung gestellt.

In Stockholm, ca. 950000 Einwohner, wurden damit durchschnittlich 100000 Fahrten täglich eingespart.

Für Berlin wäre ein solches System, mit den Kosten für jeweils einen BVG-Einzelfahrschein AB, m.E. ebenfalls gut denkbar.

Die Wirkung entfaltet eine Städtemaut dadurch, dass die Kosten für eine Autofahrt in die Stadt steigen. Das erhöht die Attraktivität anderer Verkehrsmittel wie den öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad, mit denen weniger negative externe Kosten verbunden sind. Die Maut regt zudem zu einer effizienteren Nutzung von Pkws an, etwa durch die Bildung von Fahrgemeinschaften.

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Die Stadt selbst gewinnt dadurch nicht nur an Lebensqualität, sondern erzielt auch Einnahmen, die gezielt in den Ausbau von ÖPNV und anderen Infrastrukturmaßnahmen gesteckt werden können, bis eines Tages vielleicht sogar die Maut an sich wieder überflüssig wird.

Eine Städtemaut würde den Verkehr dagegen nicht nur wirksamer, sondern auch sozial gerechter einschränken. Denn weiterhin dürfte jeder und jede in die Stadt fahren – wenn er oder sie für die Kosten aufkommt, die dadurch der Gesellschaft entstehen.

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Generelle Mautpflicht?

Es gibt aber auch Stimmen, die meinen ein Auto sollte generell mautpflichtig sein, um die verschiedenen Verkehrsprobleme in den Griff zu bekommen:

Wir brauchen in Deutschland eine intelligente Maut, deren Höhe sich nach Tageszeit, Straßentyp und aktueller Verkehrssituation richtet. Je mehr Stau, desto teurer die Nutzung der betroffenen Straße. Das würde dann dazu führen, dass die Menschen andere Routen einschlagen oder ihr Auto stehen lassen. Außerdem müssten Fahrten in der Nacht teurer sein als am Tag, damit man keine Probleme mit dem Lärmschutz bekommt.

Heiner Monheim, Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier

Grundsätzlich geht es vor allem aber darum, die bevorzugte Behandlung des Autos gegenüber den anderen Verkehrsarten zu beenden, denn damit würde die Gerechtigkeit auf den Straßen wieder hergestellt.

Aber ein Fahrrad ist doch ebenso ein Fahrzeug wie ein Auto und hat Anrecht auf angemessenen Verkehrsraum zum Fahren und Abstellen. Alles was Räder hat ist ein Fahrzeug – basta! Und deshalb sollte beides auch so behandelt und mit den gleichen Investitionen und der gleichen Priorität gefördert werden. Es gibt doch keinen Grund zu sagen, dass Autos wichtiger als Fahrräder sind.

Heiner Monheim, Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

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