Samariterkiez: „Die Nullvariante ist keine Option.“

Der Verkehr im Samariterkiez wird auch weiterhin durch Poller eingeschränkt bleiben. Inzwischen ist er das Vorbild für viele Treffen, z.B. in Pankow, auf denen die Beteiligten Poller und Umleitungen in ihren Kiezen planen.

Keine Schönheit

Tatsächlich sind Poller keine für das Stadtbild besonders schöne Lösung zur Regulierung des Verkehrs, der aber in Berlin mangels Kontrollen ohnehin eher einer Verkehrsanarchie gleicht, die man eben mit solchen Mitteln bekämpfen muss, da sich viele Autofahrende eben nicht an elementarste Regeln halten:

Sie sind hässlich, und sie stehen im Weg. Doch sie sprechen eine Sprache, die fast alle Kraftfahrer verstehen. Bremsen und abbiegen, sonst gibt es Beulen, so lautet die Botschaft der Poller.
[..]
Leider gibt es in dieser Stadt einen großen Anteil von Kraftfahrern, die ihre Vehikel für Dominanzgesten und zum Frustrationsabbau missbrauchen, womit andere Menschen oft fast schon vorsätzlich gefährdet werden. Gegen solche Fahrer helfen keine nett gemeinten Verkehrszeichen, Sperren werden aber akzeptiert.

Poller im Verkehr: Eine Sprache, die jeder versteht, Berliner Zeitung

Mehrbelastung auf den Hauptstraßen?

Vielfach wird kritisiert, dass solcherlei Maßnahmen nur dazu führten, dass der Verkehr auf den umliegenden Hauptverkehrsstraßen nur noch schlimmer würde und KFZ-Fahrer deshalb weiter fahren müssten.
Das stimmt.

Doch was beklagen sich eigentlich Menschen, die für ihre Fortbewegung nur die Kraft des rechten Fußes aufwenden eigentlich über ein bisschen mehr Weg?
Ich denke Autofahren macht euch Spaß und ist viel bequemer als im Rad oder mit anderen Leuten in einem Bus?

Ich fahre mit dem Rad schon lange einen Weg zur Arbeit und zurück, der insgesamt 6 km länger als notwendig ist, weil ich es auf der Strecke ruhiger und weniger autobelastet habe.
Das macht mir nix aus. Und ich muss dafür in die Pedale treten…

Den Verkehr wieder auf seine Hauptachsen zurück zu werfen, wie es ja inzwischen die Österreicher mit den deutschen Autofahrern auf ihren Autobahnen betreiben, ist übrigens an sich schon ein Mittel der Verkehrsreduzierung:
Wem man es unbequem macht, der überlegt sich irgendwann jede Fahrt sehr genau und wird die eine oder andere Fahrt entweder ausfallen lassen oder doch mal ein anderes Verkehrsmittel benutzen.

Durchgangsverkehr gehört nicht in Wohngebiete

Felix Weisbrich, Leiter Straßen- und Grünflächenamt Friedrichshain-Kreuzberg

Seltsame Argumente pro Auto

Die Ruhigstellung des Verkehrs befördere die Gentrifizierung des Quartiers und führe zu Mietsteigerungen, so führen die Befürworter von bis zu 400 PKW stündlich, die durch das Wohnviertel brausen.

Natürlich hat Verkehrsberuhigung wie im Samariterkiez einen unangenehmen Beigeschmack. Zwar entlastet sie als raffinierte Ausprägung des Sankt-Florians-Prinzips die Bewohner des Wohnviertels. Doch auf den Hauptstraßen im Umkreis lässt sie den Verkehr ansteigen, was diese Magistralen noch schmutziger und unwirtlicher macht.

Poller im Verkehr: Eine Sprache, die jeder versteht, Berliner Zeitung

Soziale und gar Umwelt-Argumente für die Benutzung von Autos anzuführen ist seltsam:
Da wird also gleichmässige Vergiftung auf allen Straßen gefordert und mehr Lärm für billige Mieten!
Kein Wunder, dass man sie ausbuht für solche Argumente!

Und mal ehrlich: Wer geht den für einen gemütlichen Spaziergang z.B. wochentags auf die Frankfurter Allee?
Die ist doch längst unwirtlich!

Der Verkehr sei auch nicht gefährlich gewesen sagen andere, es habe doch keine Unfälle mit Kindern gegeben…
Soll denn erst eines sterben, damit man den Verkehr beruhigt? Wirklich?

Bessere Kommunikation

Immerhin: Die Verwaltung gesteht auch ein, das die Kommunikation in diesem Projekt schlecht gewesen sei.
Daran lässt sich sicherlich arbeiten.

Die Poller bleiben

„Poller weg ist keine Option?“ fragte ein Bürger im Publikum. Genau, hieß es auf dem Podium. „Die Nullvariante ist keine Option.“ Das war der Moment, in dem weitere Autofahrer den überfüllten Saal wütend verließen.

Bürger streiten über Poller im Samariterkiez, Berliner Zeitung

Der Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung bleibt bestehen, die Verkehrsberuhigung ist eine beschlossene Sache, die nur ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung wieder aufheben kann.

Der richtige Weg

Wie auch in Hamburg-Ottensen sehen viele keinen Grund, wieso der Verkehr wieder durch ihre Viertel brummen sollte, zumal die meisten der vielen PKW wohl eher keine Anlieger im Quartier sind und dort nur durchfahren.

Das einige nun eine Biege mehr fahren müssen, um ihr geliebtes Auto kostenfrei auf öffentlichem Grund abzustellen ist nun wahrlich kein Argument gegen eine Verkehrsberuhigung, die der Mehrheit weniger Lärm und Gefährdung durch Autoverkehr beschert.

Autofahrende sollen endlich einmal realisieren, dass die Mehrheit der Menschen in der Stadt eben nicht das Auto nutzt, aber ebenso ein Anrecht Raum und Platz auf der Straße hat.
Das ist nicht alleine euer Spielplatz…

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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