Auto-Sprache: Das Schönreden von Missetaten

Radfahrende fahren immer bei Rot und „erzwingen“ Vorfahrt. Autofahrende „übersehen“ ja nur mal was…

Gesprochen wird pro Auto

Wenn in Deutschland von Verkehr die Rede ist, ist immer Autoverkehr gemeint.
So selten wie andere Verkehrsarten in den Medien vorkommen, so selten kommen sie dabei auch positiv weg:

Bei der Bahn werden immer die Verspätungen thematisiert und Radfahrende finden zumeist auch nur als ungeliebte Rüpel Einzug in die Schlagzeilen der Tagespresse.
Was Fußgänger so machen, erfahren wir auch meist nur, wenn mal einer „vor das Auto lief“.

A Autobahndeutsch
Unsere Sprache verdankt den geliebten Sehrschnellstraßen vielfältiges Vokabular – in allen Lebensbereichen: in Architektur (Mittelleitplanke, Wanderbaustelle), Chemie (Zähfließender Verkehr), Demokratie (Freie Fahrt für Freie Bürger), Fauna (Entenfamilie auf der Fahrbahn), Flora (Straßenbegleitgrün), Geografie (Sauerlandlinie), Handwerk (Autobahnmeisterei) oder Raumplanung (Rettungsgasse, Stauende). Sich Stauende gibt es von Stauanfang bis Stauende.

A wie Autorüpel, U wie Unfall, taz.de

Was Autofahrenden passiert, ist immer gleichsam vom Hauch des Schicksal und vor allem von ihrer latent unterstellten Unschuld geprägt.
Pausenlos werden wir mit Staumeldungen und sogar Wettermeldungen für Autofahrer beschallt, bei Veranstaltungstipps darf schon froh sein, wenn jemand erwähnt, dass man da auch mit der Bahn hinkommt.

Das Auto hat Deutschland fest im Griff. So fest, dass wir es nicht einmal bemerken. Oder gefällt euch das wirklich? Ist das schön hier spazieren zu gehen?

Die Unfall-Lüge

Autofahrende „übersehen“ beim Abbiegen nach rechts Radfahrende, die sich „ihre Vorfahrt erzwingen“ und „touchieren“ diese dann, wobei sich der Radfahrende dann verletzt. Bestenfalls nur verletzt.

Schon die Vorfahrt kann man gar nicht erzwingen:
Entweder hat man in einer Verkehrssituation laut StVO die Vorfahrt oder man hat sie eben nicht.

Wer also rechts abbiegt und nicht auf vorfahrtsberechtigte Verkehrsteilnehmer achtet, nimmt also jemandem zuerst mal das Recht auf Vorfahrt und begeht so mindestens eine Ordnungswidrigkeit.

Dabei nicht hinzugucken, also jemanden „übersehen“ ist gleich das nächste Ding:
Wenn ich mir nicht klar darüber bin, ob da jemand vorfahrtberechtigtes noch kommt oder ich ihn nicht sehen kann, muss ich stehenbleiben, bis ich mir über die Verkehrslage im klaren bin und darf mich allenfalls langsam vorantasten, aber nicht einfach losfahren.

Das klingt jetzt aus Autofahrersicht sehr ernüchternd nicht wahr?
Es müsste also mindestens heißen:
Autofahrer missachtet Vorfahrt und verletzt Radfahrer.

Ü Übersehen
Beliebte Erklärung von AutofahrerInnen zur Erklärung von Unfällen mit zweitrangigen Verkehrsteilnehmern wie Radlern oder Fußgängern, einem Lapsus ähnlich. Setzt sogar voraus, dass überhaupt geguckt wurde und die Möglichkeit eines real existierenden Dritten bedacht. Oder überhaupt geguckt werden wollte: Phänomen der Wahrnehmung nur dessen, was ich sehen will.

A wie Autorüpel, U wie Unfall, taz.de

Das Schicksal der Opfer

In Polizeiberichten und in den Medien werden „Unfälle“ oft so dargestellt, als hätte niemand es verhindern können, dass jemand zu Schaden gekommen ist.
Und wenn das nicht reicht, beginnt man mit dem Victim-Blaming und erwähnt z.B. dunkle Kleidung oder die Tatsache eines fehlenden Helms, so dass man am Ende selbst Schuld sei als Opfer.

Weder Neon-Bekleidung noch Helme sind vorgeschrieben, noch verhindern Unfälle, dass kann beinahe jeder Berliner Stadt-Radler aus eigener Erfahrung berichten!

Alles im Straßenverkehr sind anscheinend »Unfälle«: Wenn zwei Autofahrer in Berlin mit einer Geschwindigkeit von 170 Kilometer pro Stunde mitten in der Stadt ein Wettrennen bestreiten, vorbei an mehreren roten Ampeln, um am Ende einen vollkommen unschuldigen 69-Jährigen zu rammen, ist der Tod des Mannes ein »Unfall«.

Im toten Winkel der Sprache, neues-deutschland.de

Die Verwendung des Wortes „Unfall“ ist bei den allermeisten Verkehrsunfällen völlig unangebracht, denn das Geschehen wurde in der Regel durch Fahrlässigkeit, Nachlässigkeit, Egoismus oder Desinteresse eines der Beteiligten herbeigeführt und nicht vom „Schicksal“ oder auf Grund irgendeines Gottes-Willens!

Aus dem Sprachgebrauch streichen

In den USA verschwindet das Wort „accident“, also „Unfall“ immer mehr aus den Medien und Polizeiberichten.
Die Polizei von San Francisco und die von New York z.B. sprechen nicht mehr von Unfällen und auch Associated Press, die größte Nachrichten- und Presseagentur der USA, hat dieses Wort aus dem internen „Styleguide“ für Nachrichten entfernt, sofern die Schuld bei einem der Verkehrsteilnehmer liegt: Es könnte als Freispruch für den Schuldigen verstanden werden.

Das ist ein wichtiger Punkt auf dem Weg zu einer VisionZero, in der es einfach keine Verkehrstoten mehr gibt:
Wir müssen aufhören die Folgen des Verkehrs, und ja insbesondere des Autoverkehrs, zu verniedlichen!

3200 Verkehrstote in 2019

Mehr als 380000 Menschen insgesamt wurden dazu noch bei Verkehrs-„Unfällen“ verletzt.

Man stelle sich vor, so viele Kinder, Männer und Frauen würden innerhalb von elf Monaten durch eine ansteckende Krankheit geschädigt oder gar ums Leben kommen – das Land wäre ein anderes. Schutzmaßnahmen würden den Alltag völlig verändern, vorsichtiges Verhalten würde zur obersten StaatsbürgerInnenpflicht – zu Recht.

Falsche Gelassenheit, taz.de

In Deutschland starben im vergangenen Jahr rund 3200 Menschen im Straßenverkehr, in Norwegen waren es 109. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl heißt dies, dass es in der Bundesrepublik fast doppelt so viele Verkehrstote gab. Warum ist Fahrradfahren in Berlin zwanzigmal gefährlicher als in Kopenhagen? Und warum wohl ist in New York die Zahl der Verkehrstoten innerhalb weniger Jahre um gut ein Drittel gesunken?

Im toten Winkel der Sprache, neues-deutschland.de

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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