Was uns Corona über den Verkehr lehrt…

Diese Pandemie ist schlimm. Keine Frage. Aber sie lehrt so manchem da draußen so einiges über den Verkehr, Fahrradinfrastruktur und vom Autoverkehr blockierten Platz.

Es ist leer auf den Straßen

Ehemalige Eisenbahnbrücke, zufahrt zum Stettiner Bahnhof/Nordbahnhof,Wedding,Mitte,Berlin, Foto: Peter Wendel, CC-BY-SA 4.0

Auch wenn es Autofahrende trotzdem immer wieder hinbekommen, sich irgendwo in der Stadt in einen Stau zu stellen, kann wohl keiner von uns bestreiten, das der Autoverkehr abgeebbt ist.
Und ich kenne noch nicht mal Autofahrende, denen das nicht auch gefällt…

Der Mythos, dass schwindende Verkehrsflächen zu Gunsten von Radwegen und der zunehmende Lieferverkehr die ganzen Straßen der Stadt verstopften, ist ganz klar sichtbar hinfällig:
Wo es sich staut sind zu viele private Autos Schuld am Pfropf im Verkehr.

Aber woran liegt das eigentlich?

Deutschland ist Fahrradland!

Laut des Zweirad-Industrie-Verbands gab es in Deutschland 2018 75,4 Millionen Fahrräder, 2019 lt. statista aber „nur“ 47,1 Millionen PKW.
Eigentlich ist Deutschland also ein Land der Fahrräder und nicht der Autos.

Berlin, Germany – june 11, 217: Many people on bicycles

Es ist also eher verwunderlich warum es so viele Autobahnen und so wenig Radwege in Deutschland gibt.

Eine repräsentative Umfrage der Gebrauchtwagenplattform Mobile.de ergab, dass es nur 35% der Befragten gibt, die unter keinen Umständen auf ihr eigenes Auto verzichten würden.

Immerhin ein Viertel aller Deutschen würde laut der Umfrage auf ihr Auto verzichten, wenn der öffentliche Nahverkehr deutlich günstiger oder sogar kostenlos wäre. Weitere neun Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich überlegen würden, ihren eigenen Pkw abzuschaffen, wenn das Angebot von Leihfahrrädern und Carsharing-Autos in ihrer Umgebung ausgebaut würde. Jeder Zehnte würde das eigene Fahrzeug abgeben, wenn eine andere Person im Haushalt noch ein Auto besitzt.

Viele Deutsche würden niemals auf ihr Auto verzichten wollen, welt.de

54% der Befragten geben in der Umfrage an, es zu begrüßen wenn weniger Fahrzeuge unterwegs wären. Nur 22% lehnte jegliche Reduktion des Autoverkehrs in den Städten ab.

Wie eine Stadt mit reduziertem Autoverkehr aussieht, sehen wir derzeit ja live auf der Straße. Die Ruhe und das andere Feeling der Stadt gefällt vielen sogar, nur der Grund dafür sollte ein anderer sein.

Mehr Straßen – Mehr Stau

Ausgerechnet eine Studie aus den USA räumt dann auch damit auf, dass mehr Straßen zu weniger Stau führen würden:
Zwischen 1993 und 2017 wuchs die Kapazität der Freeways in den 100 größten städtischen Gebieten des Autolandes USA um 42%.

Die Zahl der Staustunden stieg in diesem Zeitraum aber trotzdem um 144% an, obwohl die Bevölkerung nur um 32% anwuchs und z.B. in Detroit sogar um 5% schrumpfte.

92 von 100 Ballungsräumen verzeichneten einen Stauzeit-Anstieg von mehr als 100%.
Die Wirkung der größeren Straßenkapzität ist nur kurzfristig und erzeugt langfristig nur mehr Verkehr, der dann noch größere Staus produziert.

Die Amerikaner wollen wie die Deutschen möglichst weit vom Nachbarn und der Arbeit weg wohnen. Das produziert Verkehr.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher Wissenschaftszentrum Berlin

Damit wird nun also auch indirekt bestätigt, dass man nur mehr gute Radinfrastruktur zu bauen braucht, damit mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen… erstaunlich nicht wahr?

Stadt der kurzen Wege

Stadtplanung muss in Zukunft die Verkehrsanlässe reduzieren. Also die Anzahl der Ereignisse, die mich zwingen, das Auto zu nehmen.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher Wissenschaftszentrum Berlin

Wenn die Arbeit, der Supermarkt, Schulen und vieles mehr nicht mehr meilenweit entfernt liegen, entfallen viele Gründe für eine Autofahrt.
Schon jetzt ist die Entfernung zur nächsten Einkaufsmöglichkeit so kurz, dass man eigentlich keinem wirklich normalen Menschen mehr erklären kann, wieso man dafür das Auto benutzt.

In Deutschland, wie auch sicherlich in den USA, wird es den Autofahrern zu einfach gemacht: Es gibt zu viele und zu günstige Parkmöglichkeiten.

In Deutschland gibt es dazu noch ein zusätzliches Problem: Die Pendlerpauschale und damit die Subventionierung von Zersiedelung, weil Menschen „belohnt“ werden weit weg von ihrer Arbeit zu wohnen, muss wegfallen um das Stauproblem in den Städten zu lösen!

Weniger Autos – Bessere Luft

Sinkender Autoverkehr sorgt auch für eine schnelle Reduzierung der CO2-Bilanz des Landes, die , wie wir wieder derzeit ganz praktisch und real vor unseren Fenstern erkennen können, ohne das es dazu technischer Höchstleistungen bedürfe, die noch gar nicht erfunden sind.

Das wäre natürlich auch der Effekt, wenn wir spontan alle Kohlekraftwerke schlössen.
Wir werden ohnehin beides brauchen um unsere Enkel nicht wahlweise zu ersäufen oder zu grillen…

Immerhin liegt die Zahl der PKW-Besitzer in Berlin mit 400 von 1000 Einwohnern doch schon erfreulich unter dem Bundesschnitt von 567.

Das der Anteil von PKW-Besitzern auf dem Land besonders stark steigt, ist also ganz offensichtlich ein Zeichen völlig fehlgeleiteter Verkehrspolitik, die lieber Autobahnen baut, als den ÖPNV fördert, was angesichts der „Verkehrsminsiter“ in Berlin auch kaum wundert.

Zu wenig Platz auf dem Radweg

Berliner Alltagsradler erkennt man momentan nicht an ihrem Outfit sondern mit dem aufkommenden schönen Wetter eher am Augenrollen, denn durch die Corona-Krise treibt es die Menschen derzeit vermehrt auf das Rad um gesund zur Arbeit zu fahren oder sich Bewegung zu verschaffen.

Während viele Straßen leer sind, drängen sich die Radfahrenden und Fußgänger am Rand der Infrastruktur zusammen auf nun, auch von den Umsteigern leicht zu bemerken, endgültig zu engen Wegen.
Dafür neigen immer mehr Autofahrende zu Raserei auf leeren Straßen.

Deshalb muss die Stadt auch schnell mehr Straßenland zu mindestens provisorischen Radspuren umgestalten, damit Radfahrende den oft geteilten Gehweg im Rahmen von #PhysicalDistancing komplett den Fußgängern überlassen können.
Kein Problem beim derzeit geringen Autoverkehr.

Wie wir ja gerade gelernt haben, steigert das Angebot auch die Nachfrage und es wären so sicher mehr Bürger motiviert, sich gesund und mit Abstand von anderen durch die Stadt zu bewegen.

Es braucht also noch viel mehr davon!

Problem Fahrradparken

Dabei fällt uns das nächste Problem auf den Kopf, welches die Politik jahrzehntelang ignoriert hat:
Wer mit dem Rad fahren soll, braucht adäquate Parkplätze!

Ohne Park+Ride-Plätze steigt weder jemand vom Auto in die Bahn, noch geschieht das mit dem Rad.
Bahnhöfe sind HotSpots für Fahrraddiebe und in den Einkaufsstraßen gibt es zu oft wenig bis gar keine guten Möglichkeiten sein Fahrrad sicher anzuschließen, geschweige denn bewachte Parkmöglichkeiten.

Fünfeinhalb Jahre ist es her, dass man ankündigte, Berlin werde Fahrradparkhäuser bauen: Es steht kein einziges.

Man könnte ja vielleicht doch mal überlegen, ob man Betreiber von Parkhäusern nicht dazu bewegen oder verpflichten kann, eine Fahrradetage anzubieten… jedes Einkaufszentrum hat eins, aber kaum eins nennenswerte Mengen an geschützten Radabstellanlagen.

Da auf einen Autoparkplatz mehr als ein Fahrrad ohne zu drängeln abgestellt werden kann und man natürlich auch ein oder zwei Euro kassieren darf für einen halben Tag Parkhaus, rechnet sich das auch für die Betreiber.

Ist dann auch ein gutes Werbe-Argument, wenn man wieder öffnet: „Weiterhin gesund zum einkaufen – Fahrrad sicher abstellen – Direkt ins XY-Center“
Oder etwa nicht?

Dass es an Fahrrad-Brennpunkten wie den Schönhauser-Allee-Arcaden derzeit freie Fahrrad-Parkmöglichkeiten direkt am Eingang gibt, liegt eben nur daran, das außer dem Lebensmittelladen ja nichts auf ist.

Es kommt noch immer zu wenig an

Auf der Straße kommt noch immer zu wenig von der Verkehrswende an, man kann sich nicht ewig hinter fehlenden Planern oder erforderlichen Verkehrszählungen verstecken, die an sich ja schon eine Frechheit sind:
Der Stadtplaner darf nicht entscheiden, er muss beweisen, warum er eine Straße umbauen möchte!

Teilweise hat man das Gefühl, dass der Bau eines Radweges doch Hexenwerk ist.

Tino Schopf:, MdA, SPD

In jedem Fall braucht aber die Infravelo GmbH nicht zu hoffen, dass man die Erwartungen nach all den Jahren in denen nichts passiert ist, dämpfen könne:
Es wird eher Zeit für eine weitere Welle von Rad-Protesten, die ja immerhin das MobG hervorgebracht haben.

Derweil richten wir unseren Blick nach Pankow, wo man nach bezirklicher Planung noch im April beginnen will das Fahrradstraßen-Netz um die Ossietzkystraße zu bereichern und man noch mehr ambitionierte Pläne in der Schublade hat.

Vielleicht kann man ja dort endlich mal die Verkehrswende im wahrsten Sinne des Wortes bald erfahren…

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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