ÖPNV: Chance oder Krise nach Corona?

Extrem zurückgegangene Fahrgastzahlen bei fast normaler Verkehrsmittel-Dichte. Natürlich rutscht der ÖPNV im allgemeinen in die roten Zahlen. Ist das eine Chance oder nur eine Krise?

Viren-Schleuder ÖPNV?

PhysicalDistancing funktioniert im ÖPNV zumeist schlicht nicht, wenn alle Leute morgens und abends zur selben Zeit zur Arbeit und zurück fahren. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, das die Fahrgastzahlen bei der BVG um glatt 75% zurück gegangen sind.

Das zentrale Imageproblem von Bahnen und Bussen kommt immer stärker zum Tragen: die Anwesenheit anderer Menschen, die man sich nicht aussuchen kann. Während die Blech- und Glashülle des Autos Schutz vor Viren verspricht, fühlen sich Fahrgäste krankmachenden Einflüssen ausgesetzt.

Warum BVG und S-Bahn Opfer der Coronakrise sind, Berliner Zeitung

Natürlich wird das auch dazu führen, dass sich nach überstandener Krise nicht alle sofort wieder tagtäglich in die Bahn oder den Bus trauen werden, ihren bis dahin eingeschliffenen jetzt neuen Wegen vielleicht treu bleiben: Gut, wenn es das Fahrrad ist, schlecht wenn sie im Auto bleiben.

Sicherlich zeigen die leeren Straßen, wie angenehm eine Stadt sein kann, wenn kaum noch Autos fahren und der Anteil des Radverkehrs steigt. Doch weil die Leere ein Produkt einer Krise ist, lässt sie sich auch als etwas Negatives lesen – als ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.

Warum BVG und S-Bahn Opfer der Coronakrise sind, Berliner Zeitung

Am Ende steht ein Boom

Am Ende der Krise werden viele Deutsche aber, sobald es möglich ist, wieder für einen wahren Boom in der Reisebranche sorgen, denn dem „normalen“ Bürger ist dieses Statussymbol sehr wichtig,

Die engen Ferienflieger werden also wieder voll sein und unsere Straßen anfangs noch mehr zugestaut sein als vorher, während die Fahrgastzahlen bei der BVG eher langsam wieder ansteigen.

Die Tatsache, dass es Reisende und Clubbesucher waren, die die Krise so richtig in Schwung gebracht haben, wird schnell vergessen sein.

Leute die wieder ausgehen werden auch wieder Busse und Bahnen benutzen und auch die Schüler fahren wieder in die Schulen.
Irgendwann kommen die Fahrgäste auch wieder im ÖPNV an, denn er wird auch Vorteile bieten gegenüber dem Stau der ewig gestrigen in den Blechkisten.

Ein Virus macht keine nachhaltige Verkehrspolitik. Im Gegenteil: Corona könnte auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Mobilität für Rückschläge sorgen.

Warum BVG und S-Bahn Opfer der Coronakrise sind, Berliner Zeitung

Die Chance der Krise

Ohne Zweifel werden die Betreiber der öffentlichen Verkehrssysteme auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, schließlich sind ihre Einnahmen gerade komplett zusammengebrochen.

Und sie werden die Gelder bekommen, denn damit sind ja nicht nur Arbeitsplätze im ÖPNV gesichert, sondern auch die Pflicht der Daseinsvorsorge für die Haushalte in denen kein Auto zur Verfügung steht. Nur 400 Berliner von 1000 besitzen nämlich ein eigenes Auto.

Ohnehin wird die Stadt viele Dinge finanzieren müssen, denn es wird sicher mehr arbeitssuchende Menschen als vorher geben und auch bei vielen anderen Menschen wird das Geld knapper als vorher sein.
Alles Indikatoren dafür, dass es eben dann gerade einen starken, preiswerten und leistungsfähigen ÖPNV braucht.

Warum also die notwendige Förderung nicht gleich als Chance für Fortschritte nutzen?

Kostenloser ÖPNV für Berlin

Wann wenn nicht jetzt sollte man das Experiment wagen und einen kostenlosen ÖPNV in Berlin etablieren?
Die hohen Kosten, die es ohne hin zur Stützung und Fortführung des Betriebes gibt, kann man immerhin zum Teil über eine Abgabe von allen Berliner und Geldern aus intensiverer Parkraumbewirtschaftung und sogar einer City-Maut wieder eintreiben.

Dem Berliner reicht in Zukunft der Personalausweis mit der Berliner Adresse als Fahrschein und die Bürokratie des Landes wird großflächig entlastet, weil es z.B. weniger Schwarzfahrer gibt noch hoch bürokratisch zu beantragende Sozialtickets.
Die Steuer wird bei allen Berlinern eingetrieben, es ist also niemand benachteiligt und alle können den ÖPNV nutzen.

Tickets brauchen nur noch die anderen. Die BVG ist gesichert und der Senat hat noch Gelder für andere Hilfen übrig.
Zugleich steigt der Anreiz, auch mal wieder den ja ohnehin schon bezahlten ÖPNV zu nutzen.

Und deshalb darf man jetzt auch nicht stoppen oder zurückstecken im Ausbau der Nahverkehrs, denn Investitionen in nachhaltige Mobilität sind Wirtschaftsförderung, Umweltschutz und Sicherung der Infrastruktur in einem.

Egoismus zurückdrängen

Der Drang, den eigenen Benziner oder Diesel gegen Grünen-Fantasien von einer Innenstadt ohne Verbrennungsmotoren zu verteidigen, wird an Vehemenz zunehmen. Das wird der Lebensqualität in den Städten nicht gut tun.

Warum BVG und S-Bahn Opfer der Coronakrise sind, Berliner Zeitung

Genau diesen Egoismus müssen wir zurück drängen und ich glaube das geht auch: Nicht wenige von uns erleben erstmals eine Stadt der Ruhe, wie es sie nur vor dem auto möglicherweise schon einmal gab und auch wenn es Diesel-Fetischisten geben mag, gibt es jetzt aber auch ebenso viele die fragen werden, wieso wir den ganzen Dreck und Lärm eigentlich wieder akzeptieren sollen.

Wir brauchen nach wie vor weniger Autos in der Stadt und funktionierende Rad-Infrastruktur in großem Umfang und einen kostengünstigen , verbesserten ÖPNV.
Genau das hat uns Corona nämlich wirklich gezeigt…

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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