Corona, PopUp-Bilkelanes und das MobG

Distanz ist das Motto dieser Pandemiezeit. Auch auf den Straßen, was ganz logisch bedeutet die Verkehrsarten nicht durch schmale Nadelöhre zu quetschen, sondern allen Raum zu geben. Das passiert gerade. #PhysicalDistancing

Böser ÖPNV

Wegen des Ansteckungsrisikos steckt der ÖPNV derzeit in einer im Augenblick nicht zu behebenden Krise, denn tatsächlich ist es nicht gut viele Menschen in ein Fahrzeug zu quetschen.

Daher, und so passiert es ja auch tatsächlich, sollte man den ÖPNV jenen überlassen, die wirklich keine andere Möglichkeit zur Fortbewegung haben und sich überlegen, ob man nicht ein anderes Verkehrsmittel nutzen kann… eben das Rad, mal zu Fuß gehen oder auch das Auto nehmen.

Gerade in den Zeiten des „großen Lockdowns“ fuhr es sich für den Alltagsradler beständig wie in den Sommerferien oder am Karfreitag zur Mittagszeit:
Wegen des geringeren Verkehrs gab es kaum etwas zu meckern.

Mit zunehmender Zeit mehren sich seitdem aber die Raser auf den Straßen, weil es „endlich mal frei ist..“.
Ein Schelm, wer da keinen Trend sehen will!

Mit der Lockerung des Lockdowns und der Rückkehr von immer mehr Anteilen des Berufsverkehrs kehren allerdings die alten Probleme von enge und Stau zurück.
Auch ist zu befürchten das gerade viele Pendler zunächst doch lieber das Auto benutzen anstatt sich in den Regio zu setzen.
Der Auto-Verkehr könnte also noch problematischer werden als vorher.

Verkehrsarten trennen

Problematisch wird für das #PhysicalDistancing aber eben auch der zunehmende Radverkehr, der vielfach entweder auf Radwegen stattfindet, die eh auf dem Gehweg liegen und dort den Raum schmälern, oder schlicht gar nicht vorhanden sind und auf der Straße permanent durch den Autoverkehr bedroht werden, da diesem zu oft das Schicksal anderer Verkehrsteilnehmer schlicht piepegal ist.

Also werden auf einmal im Rahmen einer anderen Krise Dinge möglich, die das seit 2018 geltende Mobilitätsgesetz der Stadt alleine nicht vollbracht hat und es geht weit über den Ansatz von Radwegen hinaus:

Blumen für Bauarbeiter, das gab es noch nie in Berlin – jedenfalls nicht von den Fahrradaktivisten und -aktivistinnen von Changing Cities. Die sind in der Hauptstadt eigentlich bekannt für ihre Demonstrationen und Mahnwachen. An diesem Morgen Mitte April stehen sie mit gelben Tulpen vor den Bauarbeitern und bedanken sich für die neue sogenannte Pop-up-Bikelane, die dort gerade in Fahrspurbreite eingerichtet wird. Die Baustellenbarken, die den neuen Radweg markieren, schmücken sie mit bunten Blumen und Ballons.

Andrea Reidl, Zeit-Online

Gekommen um zu bleiben

Autofahrende sind natürlich felsenfest der Meinung, das die ganzen temporären Wege, für die Berlin mit anderen Städten, die diesem Konzept auch folgen, tatsächlich weltweit bewundert wird, gleich nach der Krise wieder weg müssen.

Mit ihrer Entscheidung pro Radverkehr haben sich Berlin und die kolumbianische Hauptstadt Bogota in der Krise an die Spitze einer internationalen Bewegung gestellt. Solange Corona noch nicht beherrschbar ist, wollen sie aktive Mobilität mit ausreichend Abstand sicherstellen.

Andrea Reidl, Zeit-Online

Doch dem ist nicht so: Sie entstehen derzeit vor allem an Stellen, an denen nach dem Mobilitätsgesetz (MobG) ohnehin ein Radweg/Radstreifen gebaut und umgesetzt werden muss!

Unser Ziel ist es aber auch, aus diesen vorgezogenen Maßnahmen möglichst überall dauerhafte Anordnungen zu machen und die provisorische Technik durch dauerhafte zu ersetzen

Regine Günther, Umwelt- und Verkehrssenatorin, Berlin

Das Argument, dass die Radwege den fließenden Verkehr behindern würden ist aus zwei Gründen schon hinfällig:
Zum einen ist Radverkehr auch fließender Verkehr und zum anderen entstehen die Radstreifen auf ehemaligen Parkstreifen oder auf Spuren die ohnehin illegal zugparkt waren.
Der fließende Verkehr verliert nichts.

Es zeigt sich gerade, wie dringend wir sichere, breite Radwege brauchen. Sie sichern Mobilität und gleichzeitig auch die Gesundheit. Berlin richtet aus diesem Grund gerade mit einfachen Mitteln rasch neue temporäre Radwege ein. Das nützt uns über die Corona-Zeit hinaus auch bei der Verkehrswende

Wolfgang Aichinger, Projektleiter städtische Mobilität bei Agora Verkehrswende

Das Horroszenario ist eher der totale Verkehrskollaps, der vielen Städten droht, wenn von den durchschnittlich 20-25% der ÖPNV-Nutzer die Hälfte einfach aufs Auto wechselt und die Städte im Stau kollabieren, weil keinerlei andere Infrastruktur geschaffen wurde.

Verwunderlich ist das Argument, dass die Radstreifen auch deshalb verschwinden sollen, weil sie derzeit nicht oft genug genutzt würden. Bei der Autobahn A20 im Norden Deutschlands, die auf vielen Abschnitten fast leer ist, hat man es nie gehört. Klar ist, dass der Radverkehr auf den Pop-up-Radwegen nach einer Gewöhnungsphase ansteigt. Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten: Das gilt auch hier.

Peter Neumann, Berliner Zeitung

Nach der Krise ist vor der nächsten Krise

Die nächsten Krisen, die wir nach Corona meistern müssen sind der Klimawandel und die sicherlich schwierige wirtschaftliche Lage des Landes allgemein.

Doch während in Deutschland schon wieder eine wirtschafts- und klimapolitisch falsche „Abwrackprämie 2.0“ gefordert wird um eine schon jetzt marode Industrie wieder anlaufen zu lassen und man sich ja der Wirtschaft zu liebe man nicht so ums Klima scheren solle, zeigen andere Länder einen besseren Lernansatz, der ihnen Vorteile bringt:

Italien will den Kauf von Fahrrädern und Tretrollen fördern um den weiterhin anhaltenden Bestimmungen zum #PhysicalDistancing gerecht zu werden, so Verkehrsministerin Paola De Micheli.

Stoßzeiten müssten unbedingt verhindert werden, es gebe dazu aber nicht genug Busse und Bahnen, sagte De Micheli. Öffentliche Verkehrsmittel dürften nur zur Hälfte besetzt sein, um soziale Distanz zu wahren. Wenn alle auf Autos umstiegen, würden die Städte verstopft. Daher sollten auch die Straßenverkehrsordnungen geändert werden, um mehr Fahrradwege zu öffnen.

Italien will Kauf von Fahrrädern und Tretrollern fördern, Spiegel.de

Ganz nebenbei legt man hier also auch einen der vielen Grundsteine für den Ausweg aus der Klimakrise und forciert diese nicht noch, wie es offenbar in Deutschland eher die Absicht ist.

Oder wozu sonst müssen ausgerechnet die Automobilindustrie und die Lufthansa gerettet werden?
Damit sie ihren Aktionären trotz Kurzarbeit Dividenden zahlen können?

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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