Radwege verursachen keinen Stau!

#PopUpBikeLanes würden Staus verursachen: Das ist ein beliebtes Argument, geht aber an den Ursachen für Staus vorbei.

Falsche Perspektive

Die Ansicht, dass ein Radweg oder irgendeine andere bauliche Maßnahme einen Stau verursache, ist grundsätzlich der Blick aus der Perspektive desjenigen der meint, die Stadt müsse sich dem Verkehr anpassen und nicht umgekehrt.

Die Städte und Gemeinden des Landes existieren im allgemeinen schon deutlich länger als „der Verkehr“.

Ohnehin wird unter „Verkehr“ oft nur der motorisierte Verkehr subsummiert, der aber das eigentliche Problem darstellt:
Ein Stau besteht grundsätzlich immer aus Fahrzeugen des motorisierten Individualverkehrs (PKWs) erweitert um die Anzahl der Fahrzeuge des gewerblichen Verkehrs (Lieferwagen und LKWs) deren Summe in einem Straßenabschnitt die Kapazität überschreitet.

Ein Stau bedeutet also immer, dass zu viele Autos unterwegs sind.

Radwege haben eine höhere Kapazität, weshalb es dort eher selten Staus gibt und Autofahrende immer meinen, „da würde ja niemand fahren“.

Radwege erhöhen die Kapazität

Radwege erhöhen grundsätzlich die Verkehrskapazität einer Straße:

Am Beispiel der Berliner Kantstraße lässt sich also nun aus der Grafik leicht errechnen, dass im ursprünglichen Zustand, etwa auf dem Abschnitt auf der Höhe der Wilmersdorfer Straße (ohne Gehweg), bislang maximal ca. 5600 Fahrzeuge des „Mischverkehrs“ auf 2 Spuren pro Stunde Platz gefunden hätten (auf Grund vom Ampelschaltungen etc. liegt der Wert eher darunter, was auch für die weiteren Angaben zutrifft).

Jetzt mit Radweg sind es also eine Spur „Mischverkehr“ zuzüglich einer Spur Radweg, was in Summe nun die Möglichkeit für deutlich mehr Verkehr ergibt:
Weiterhin schaffen es bis zu 2800 Fahrzeuge des „Mischverkehrs“ durch die Straße, erhöht um die Zahl des zweispurigen Radwegs (es können zwei Räder nebeneinander fahren, daher können wir bei der Zahl bleiben), also ca. 7500 Fahrräder, was die fantastische Zahl von 10300 Fahrzeugen pro Stunde und Fahrtrichtung ergibt.

Während es vorher also nur möglich war, das in beiden Fahrtrichtungen insgesamt ca.10200 Fahrzeuge die Wilmersdorfer Straße passieren konnten, erhöht sich die Kapazität der Straße so nun auf ca. 20600 mögliche Fahrzeuge!

Die gefühlte Kapazität der Straße entspricht eben also nicht der tatsächlich beweisbaren Kapazität der Straße, sondern hängt von der Perspektive ab.

Busse stehen im Stau

In der Realität stehen nun also die Busse des ÖPNV mit im Stau, aber eher nicht wegen der Radwege sondern weiterhin eher trotz dieser:
In den Stoßzeiten und tagsüber ist die rechte Fahrspur ohnehin schon vorher oft mit ordnungswidrig in zweiter Spur parkendem Liefer- und Individualverkehr blockiert gewesen, so dass ein Verkehrsfluss mit voller Kapazität eh nie zur Verfügung stand.

Das Argument ist aber trotzdem nicht ganz von der Hand zu weisen, denn die Planung der Verkehrsflächenaufteilung in der Kantstraße lässt durchaus noch auch noch Platz für die Lösung des Dilemmas, wie auch der Kommentator bemerkt:

Doch weil sich neben den neuen Pop-Up-Radwegen Parkplätze befinden, bleibt für den fließenden Verkehr meist nur noch eine Spur pro Richtung. Vor Ampeln entstehen lange Warteschlangen, in denen auch die Linienbusse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) feststecken.

Wegen Pop-up-Radwegen steckt die BVG im Stau fest, Berliner Zeitung

Das Problem an dieser Stelle ist also eine Raumaufteilung aus der Sicht der Autofahrenden, die auf der gemeinsamen Verkehrsfläche auch noch mit Parkplätzen berücksichtigt werden „müssen“.
Autos sind die einzige Verkehrsart, für die stets und ständig beim kleinsten Straßenbauprojekt Abstellplätze mitgedacht werden, während der Verkehrsraum für alle anderen irgendwie drumherum gestrickt wird.

In Berlin richten sich offenbar auch noch immer zu viele Verkehrsplaner nach den nun bereits 10 Jahre alten „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA)“, in denen weder geschützt Radwege noch Radschnellwege vorkommen.
Dabei gilt in Berlin das Mobilitätsgesetz, welches andere Vorgaben für die Radverkehrsplanung setzt.

Das Problem der Kantstraße ließe sich also so einfach wie elegant lösen, aber ich prophezeie, dass sich die Autofahrenden wiederum aufregen werden:

In Kopenhagen gibt es an den Hauptverkehrsstraßen keinen Parkraum. Darum hat man da so gute Radverkehrsanlagen.

Peter Gwiasda, Verkehrsplaner und Mitautor der neuen ERA

Ersetzt man also die auch im Titelbild gut sichtbare Parkspur durch eine weitere Spur „Mischverkehr“ oder gar durch eine Busspur, ergäbe die ganze Straße wieder ein stimmiges Bild.
Natürlich müssen dann auch Lieferzonen eingeplant werden, denn der Lieferverkehr ist notwendig.

Mit einer Busspur könnte man den Busverkehr dann auch soweit voran bringen, dass das ebenfalls sehr beliebte Argument von Autofahrenden „die Busse sollen erstmal pünktlich kommen bevor ich in die umsteige“ entkräftet würde.

Wer dann noch im Stau steh, sollte dann erst einmal überlegen, ob er denn wirklich auf das Auto „angewiesen“ ist:
Nur bei etwa 10% aller PKW-Fahrten wird mehr transportiert, als Radfahrer oder ÖPNV-Nutzer durchschnittlich mit sich führen und der Anteil des Lieferverkehrs am Stau ist auch deutlich kleiner als er immer „gefühlt“ wird.

Geschwindigkeit

Alle diese Lösungen dienen letztlich ja auch dazu, den Verkehr in der Stadt zu Gunsten von mehr Sicherheit und Lebensqualität zu erhöhen, aber sie lassen einen wesentlichen Faktor völlig vermissen:
Die Höchstgeschwindigkeit.

Die Diskussion um Tempolimits ist im Bundesverkehrsministerium unbeliebt. Statt mit niedrigeren Geschwindigkeiten die Sicherheit für Radfahrer generell zu erhöhen, versucht man dort, Einzelaspekte sicherer zu gestalten wie das Überholen mit mehr Abstand. Damit verführt man jedoch keine Menschen zum Radfahren. Daran kann auch die Bibel der Radverkehrsplaner nichts ändern.

Die Bibel der Radverkehrsplaner braucht eine Neuauflage, Zeit.de

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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