Polizei: Schuldlose Autofahrer?

Immer wieder ist es ein Thema: Passiert ein sogenannter „Unfall“, dann wird darüber berichtet als habe sich der Radfahrer selbst unter das Auto geworfen, der Fußgänger sei aktiv auf die Motorhaube gesprungen.
Und dann trugen sie noch nicht mal einen Helm oder neongelbe Klamotten!

Falsche Perspektive

Polizeiberichte sind sehr häufig quasi aus der Sicht des Polizisten als Beifahrers im Fahrzeug geschrieben.
Das hat zumindest einen einleuchtenden Hintergrund:
Eine Aussage kann zunächst in der Regel nur der Autofahrer überhaupt machen, wenn Radfahrende oder FußgängerInnen die Unfallopfer sind, denn die anderen Beteiligten sind auf dem Weg ins Krankenhaus.

Vom Autofahrenden erfährt man dann oft, dass er „einen Schock erlitten“ habe, „nur leicht verletzt“ sei und welche Schadenshöhe am Auto vorliegt.

Oder hat von euch jemand schon mal gelesen „das Fahrrad des Opfers wurde schwer beschädigt“?

Falsche Priorität

Dazu kommt oft noch eine völlig falssche Art der Prioritätensetzung:
Vom Opfer wird z.B. sehr schnell berichtet, er oder sie habe keinen Helm getragen. In Deutschland gibt es aber keine Helmpflicht und die Berichte geben auch keine Auskunft darüber, ob das Unfallopfer denn an einer Kopfverletzung gestorben ist oder überhaupt eine derartige Verletzung hatte.
Dazu kommt die Tatsache, dass die Frage ob der Helm hier relevant war nur durch eine nachträgliche Untersuchung des Helmes überhaupt belegt werden kann, denn selbst der Arzt im Krankenhaus kann dazu meist nichts genaues sagen, da er die Situation und das Unfallgeschehen niemals selbst gesehen hat!

All das ist zum Zeitpunkt des Polizeiberichtes aber noch total unklar.

Und so wissen wir alles mögliche über das Opfer: „Kein Helm“, „dunkel gekleidet“, „tauchte plötzlich auf der Fahrbahn auf“, „lief gegen das Fahrzeug“.
Das alles sind aktive Formulierugen, die zumindest eine Mitschuld des Opfers am Geschehen indizieren.

Über den Autofahrenden selbst hört man meist gar nichts, zumeist scheinen die Fahrzeuge völlig autonom durch die Gegend zu fahren, denn es heißt gerne: „Wurde vom PKW des XY-jährigen Autofahrers erfasst/touchiert/berührt“.
Die schlichte Formulierung „XY-jähriger Autofahrer überfuhr XY-jähriges Kind“, die das Geschehen womöglich exakt wiedergeben würde, findet man niemals in den Schlagzeilen.
Wahrscheinlicher liest man: „Das XY-jährige Kind lief gegen das abbiegende Fahrzeug und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu. Am Auto entstand ein Sachschaden von 2000 €.“

Neutrale Formulierung

Natürlich bin auch ich der Meinung, dass man niemanden verurteilen sollte, so lange die Tatsachen nicht feststehen, aber so manche Tatsachen können doch ruhig auch so wiedergegeben werden, sonst müssten Einbruchsmeldungen ja auch wie folgt klingen:

„Die Brechstange des XY-jährigen touchierte die Tür, die sich dabei beschädigte. Der Brechstangenbesitzer geriet dabei in die Wohnung und übersah, dass es nicht die eigene war. An der Brechstange entstand ein Lackschaden.“

Und so gibt es auch für Polizeiberichte bei „Unfällen“einige unverrückbare Tatsachen:

  • Ein Auto wird immer von einem/einer AutofahrerIn gesteuert und fährt nicht von alleine irgendwohin.
  • Wer „unter ein Fahrzeug gerät“, ist in 99% der Fälle schlicht überfahren worden, auch wenn er möglicherweise selber Schuld daran war.
  • Das Opfer verletzt sich nicht selbst oder freiwillig oder beim Sprung auf die Motorhaube, sondern es wird verletzt.
  • Wenn jemand etwas „übersieht“, wohin hat er dann geguckt?
  • Helme bei Radfahrern oder dunkle Kleidung bei Fußgängern ist irrelevant und dient nur der Konstruktion einer „Entschuldigung“ des Unfallgegners, weil beides in Deutschland nicht vorgeschrieben ist. Was hatte eigentlich der Autofahrende an? Denn z.B. Fahren ohne Schuhe könnte ja tatsächlich für die Schuldfrage relevant sein…
  • Wenn schon der Sachschaden des einen Fahrzeugs angegeben wird, wie hoch war er am anderen? Gibt es wirklich irgendjemanden der eine solche Unfallmeldung liest und denkt „achherrjeh, das arme Auto ist kaputt“?

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





%d Bloggern gefällt das: