Friedrichstraße: Wie kann sie gerettet werden?

Viele Menschen machen sich Gedanken um die Friedrichstraße, aber es sind nicht die Anlieger, die mit Vorschlägen glänzen.

Schon oft ein Thema

Schon oft war das hier im Blog ein Thema: Die Friedrichstraße, die den Bach herunter geht, sich aber gegen Rettungsversuche eher sträubt, ohne etwas eigenes dazu beizutragen.

Ich selbst bin in der letzten Woche mal kurz dort abgebogen, um mein Glück in einem Geschäft zu versuchen, musste aber unverrichteter Dinge wieder aufbrechen, den der Laden hatte pandemiebedingt noch geschlossen.

Gut, sowas kommt derzeit häufiger mal vor, also möchte ich das nicht der Friedrichstraße anlasten, allerdings ist es ein Phänomen der Straße, dass ich mich nicht etwa erst einmal niederlasse und einen Kaffee trinke um zu überdenken wo und wie ich dennoch zu meinem Wunschprodukt komme, denn in den dunklen Häuserschluchten lädt nichts zum Verweilen ein.
Und dazu noch weit und breit keine Stelle in Sicht um mein Rad im Bereich der Französischen Straße anzuschließen und womöglich mal ein wenig herumzubummeln.

Also in den Sattel und die Einkäufe und Bedürfnisse im Heimatkiez gestillt.
Wieder einmal eine verpasste Chance der Friedrichstraße.

Die Friedrichstraße in ihrem jetzigen Zustand hat nichts mit einem schönen, erholsamen und entspannten City-Ausflug zu tun.

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen

Online-Bestellungen sind nicht alleine Schuld

Jetzt muss man fair bleiben. Ja, der Einzelhandel hat es derzeit prinzipiell nicht leicht – und das nicht nur jetzt wegen Corona. Zu schön sind für viele die Verlockungen des Internets. Bequem auf der Couch den Bestell-Button gedrückt und schon am nächsten Tag klingelt es an der Tür. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen

Der andere unangenehmere Teil der Wahrheit ist nämlich, dass schon aus Kostengründen an Personal und Waren in den Geschäften gespart wird, so dass sich dort immer nur der „Mainstream“-Anteil des Angebotes findet und seltener gewählte Größen oder Geschmäcker eben nicht mehr bedient werden, falls denn überhaupt noch jemand jemanden bedient.

Suchen und finden bleibt Aufgabe des Kunden, was nicht da ist, ist nicht da.
In seltenen Fällen erwähnt das Personal dann noch, man könne es ja bestellen und dann hier im Laden abholen, aber für wen ist das in Zeiten von Online-Shops und dazu noch außerhalb des Heimatkiezes denn wirklich eine Alternative?

Service und Erlebnis, im weitesten Sinne ein schöner Tag, dass wäre der Punkt mit dem Einzelhandel noch Kunden locken kann.

Ich will ein Erlebnis. Ich will in Ruhe und mit Platz von einem Geschäft ins nächste bummeln, Sachen anprobieren und vielleicht noch mal kurz zurücklaufen, weil mir dieses eine Shirt nicht aus dem Kopf geht. Und ich will zwischendurch bei gutem Wetter draußen einen Kaffee trinken können, ohne in Abgasen, Motorenrattern oder Hup-Konzerten zu versinken.

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen

Und ich will dort eben auch die Möglichkeit haben, mein Fahrrad sicher abstellen zu können.
Noch besser ist natürlich die autofreie Alternative, vor der die Anlieger offensichtlich Angst haben:

New York, Kopenhagen, Barcelona, überall zeigen Studien: Je weniger Verkehr, desto höher die Einkaufslust. Als Barcelona beispielsweise 2018 Straßen zu Weihnachten für Autos sperrte, stieg dort der Konsum im Vergleich zum Vorjahr um 9,5 Prozent. Und die Luft wurde sauberer: 14 Prozent weniger Kohlendioxid; 38 Prozent weniger Stickoxid. Die Kaufkraft wächst übrigens bei einer dauerhaften Sperrung noch mehr, denn Fahrradfahrerinnen kommen im Schnitt 20 Einkaufstage im Jahr mehr als Autofahrerinnen, sind kaufkräftiger und kaufen höherwertige Produkte.

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen

Kunden, die vorher irgendwo im Stau stehen müssen um überhaupt erst in die Nähe der Geschäfte zu gelangen, sind keine guten Kunden mehr.

Für eine Distanz, die ich mit dem Fahrrad in elf Minuten schaffe, habe ich mit dem Auto über eine Stunde gebraucht. Schön war das nicht.

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen

Standortvorteil

Dazu wird ja so oft über die Wirtschaft unserer Stadt im allgemeinen debattiert, aber ein wesentlicher Faktor für die Ansiedlung von Unternehmen wird davon ausgenommen:
Wie lebenswert eine Stadt ist, kann heutzutage dafür entscheidend sein, denn auch internationale Mitarbeiter wollen eben nur ungerne in einer Staumetropole leben.

Dass Kopenhagen dreimal in Folge den Preis für die lebenswerteste Stadt gewonnen hat, ist nachweislich dafür verantwortlich, dass sich neue Firmen dort niedergelassen haben. Auch für Kopenhagen war es eine Umgewöhnung: Als dort 1962 die erste Straße für Autos gesperrt wurde, demonstrierten die Geschäftstreibenden dagegen. Heute demonstrieren sie, weil ihre Straße noch nicht autofrei ist.

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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