Steigender Radverkehr fordert mehr Fläche

Um 25 % ist der Radverkehr in Berlin im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, die Fläche öffentlichen Straßenlandes, die alleine dem „ruhenden Verkehr“, auch Parkplätze genannt, dient, liegt zwischen 20-25%. Öffentliche Fahrradabstellanlagen sucht man in der Stadt weitestgehend erfolglos, leere Parkhäuser findet man allenthaben.

Ungerechte Verteilung

Wer in Berlin Hundekot auf dem Gehweg hinterlässt, kann mit bis zu 300 € Strafe dafür belegt werden. Wer mehr als 21 km/h zu schnell durch eine 30-Zone fährt verliert nicht einmal den Führerschein.

Wer sein Sofa mit dem leidigen „Zu verschenken“-Schild auf den Gehweg stellt sieht 150-500 € Strafe entgegen, besser man packt es auf ein dort parkendes Auto, denn das kostet keinen dreistelligen Betrag.

Wer vor seinen Laden einen Tisch und einen Stuhl stellt muss „Sondernutzungsgebühren“ bezahlen, dass Auto im Straßenland parkt häufig völlig kostenlos.

Ein in zweiter Spur parkendes Auto wird oft mit Worten wie „da ist doch noch Platz“ höchstens verwarnt. Ersetzt man es an derselben Stelle durch ein Fahrrad ist es ein Verkehrsbehinderung oder gar ein „schwerer Eingriff“ in „den Verkehr“.

Wer dreimal Falsch geparkt hat, dem drohen keine weiteren Konsequenzen, wer dreimal schwarz fährt kann im Knast landen.

Willkommen in der ungerechten Realität Berlins und in der Welt der Anbeter des goldenen Automobils!

Damit „der Verkehr®“ (gemeint ist natürlich nur der Auto-Verkehr) rollt, sollen alle anderen sich doch bitte auf dem Gehweg tummeln oder in einer der Seil-, Magnetschwebe- oder U-Bahnen, die die CDU immer vorschlägt. Möglichst weit weg von der „Auto“-Straße!

Höchste Zeit für mehr Gerechtigkeit

Es ist also längst Zeit für mehr Gerechtigkeit auf den Straßen und in der Gesetzgebung:
Auto-Fahren muss mehr kontrolliert und zu höheren Strafen als selbst das bisschen der gescheiterter StVO-Novelle führen!
Raser sollten auch mal gesiebte Luft atmen, notorische Falschparker einfach mal den Führerschein abgeben, so wäre meine Idee /da bin ich bestimmt nicht alleine…).

Vor allem aber, und auch wenn es lange bis hierhin gedauert hat, muss der Raum da draußen wieder gerechter verteilt werden!
Ja, dass bedeutet, das der Auto-Spielplatz da draußen kleiner werden muss und die Stadt wieder zu einem lebenswerten Raum werden muss!

Die Pop-Up-Radwege, die im Grunde nur das plötzliche Nachholen jahrelang vertrödelter Aktivität sind, stehen exemplarisch dafür. Und sie legen offen, welche Bezirke wirklich an der Verkehrswende interessiert sind und welche nicht. Ohne die Bezirke kann die Senatsverwaltung wenig ausrichten.

Um die ersten hundert wegfallenden Parkplätze wird am lautesten gestritten, Der Tagesspiegel

Man käme natürlich nie von selbst drauf, dass es vor allem Bezirke sind, deren Verkehrsressort durch die CDU gelenkt wird, in denen noch kein Millimeter eines neuen Radwegs das Licht der Welt erblickt hat… oder?

Die CDU beschließt grüne Wellen für alle und fordert auf Twitter Radwege, die sie auf Bezirksebene verhindert.

Um die ersten hundert wegfallenden Parkplätze wird am lautesten gestritten, Der Tagesspiegel

Das Symbol der Verkehrspolitik von CDU/CSU nicht nur in der Stadt sondern auch bundesweit ist für mich ohnehin der zu schmale Radweg vor dem sogenannten Verkehrsministerium in Berlin, welches als einzigen Beitrag zur Berliner Verkehrssituation eine Luftpumpe vor die Tür gestellt hat, von der nicht überliefert ist, ob sie überhaupt funktioniert…

Es sind also vor allem pfiffige Stadträte in einzelnen Bezirken, die die Verkehrswende nun sichtbar machen und vor allem auch ernst nehmen.
Wer findet, dass die Senatspolitik sich zu sehr auf den Bereich innerhalb des S-Bahnrings richte, dem sei nahegelegt mal im eigenen Rathaus nachzuhaken, was da alles nicht passiert, denn bislang handeln eben jene, die auch was erreichen wollen.
CDU-Stadträte wollen wahrscheinlich eher eine gescheiterte Verkehrspolitik provozieren, die sie in Wahlen ausschlachten können, sollten aber gewarnt sein, das die Berliner (und besonders die Radfahrer unter ihnen) sehr genau sehen woher das Störfeuer kommt.

Um die ersten hundert wegfallenden Parkplätze wird am lautesten gestritten. Und wenn die 28 Milliarden für den ÖPNV erst gut investiert sind, fahren Busse und Bahnen hoffentlich auch an den Stadträndern und im Speckgürtel so, dass der Verzicht aufs Auto selbst dort nicht als Zumutung, sondern als Wohltat empfunden wird.

Um die ersten hundert wegfallenden Parkplätze wird am lautesten gestritten, Der Tagesspiegel

Sind sie da, werden sie genutzt

Kaum sind die Radwege da, werden sie auch genutzt.
Der Radweg in der Kantstraße hat z.B. dazu geführt, dass ich selbst mit dem Rad nicht mehr umständlich durch die Hintertür von meiner Arbeitsstelle nahe dem Berliner Funkturm über den Kaiserdamm zum Termin am S-Bahnhof Charlottenburg fahre, sondern einfach den direkten Weg die Kantstraße hinunter radele. Vorher selbst für mich als geübter Radler ein unnützes Risiko.

Der von Autofahrenden angenommene Untergang des Abendlandes, weil es ja nun eine Fahrspur weniger für „den Verkehr“ gäbe, ist offenbar ausgeblieben und auch von planender Seite hatte man angenommen, dass die Auswirkungen eher gering bleiben, weil die zweite Spur ohnehin tagsüber oft komplett zugeparkt war.

Tatsächlich ist die Kantstraße nicht die einzige, die selbst von erfahrenen Radlern möglichst vermieden wurde, weil die Bedrohung durch den Autoverkehr dort immens ist:
Die Müllerstraße im Wedding und etwa die Skalitzer Straße sind eben solche Gegenden. Immerhin ja nun auch teilweise entschärfte Ecken.

Unsicherer Verkehr

Auch wenn es mich selber nervt, muss aber mal mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, die vielen Verkehrstoten Radfahrer seien selber Schuld, weil sie ja „auf ihr Recht bestünden“ und eh „immer bei Rot fahren“:

Damit sich diese Fakenews nicht immer weiter verbreiten, hier ein paar einfache Zahlen des ADFC zu Verursachern und Opfern von Verkehrsunfällen: Radfahrer haben über 80 Prozent ihrer Unfälle mit Kraftfahrzeugen, Radunfälle mit Personenschaden werden zu 65 Prozent von Kraftfahrern verursacht, die verletzten und getöteten Personen sind fast ausschließlich Radfahrer, Lkw-Fahrer verursachen 75 Prozent der Unfälle, an denen sie beteiligt sind, acht Prozent der Unfälle von Fußgängern werden durch Radfahrer verursacht, Fußgänger haben 76 Prozent ihrer Unfälle mit Kraftfahrzeugen.

Wenn Wünsche über Nacht wahr werden, Der Tagesspiegel

Ich mag weder Rot-, noch Gehweg-, noch Geisterradler, aber die Hauptschuldigen am Tod von Menschen im Verkehr sind Autofahrer oder solche die sich dafür halten!

Es gab in 2019 etwa 387000 im Straßenverkehr verletzte Personen, also ebenso viele Schicksale deren Leben durch den Straßenverkehr einen anderen Verlauf genommen hat als gedacht. Natürlich sind hier auch Menschen mit Kratzern davon gekommen, aber der Schreck eines Unfalls bleib ihnen nicht erspart.

Diese schiere Zahl bedeutet auch über 1000 Verletzte täglich!

Der neue ICE der Deutschen Bahn hat eine Kapazität von 440 Sitzplätzen.
Mehr als zwei Züge voller verletzter Personen produziert der Straßenverkehr täglich!

Wir Menschen kleben Aufkleber auf Glastüren, damit sich niemand verletzt, aber 1000 Verletzte täglich regen niemanden auf.

Es ist am Ende so einfach…

Rund 21,5 Kilometer Pop-up-Radwege sind in Berlin während der Corona-Krise errichtet worden. Die meisten temporären Radwege wurden in Friedrichshain-Kreuzberg mit 11, 9 Kilometern gebaut. In Charlottenburg-Wilmersdorf waren es 7,2 Kilometer, in Pankow 2,38 Kilometer, und in Mitte waren es nur 580 Meter – am Schöneberger Ufer von Potsdamer Brücke bis Köthener Straße (Stand: 29. Juni). (Kleine Anfrage des SPD-Abgeordneten Sven Kohlmeier)

Was war das für ein Freiheits- und Sicherheitsgefühl zwischen Bürgersteig und parkenden Autos federleicht auf dem gelb markierten, breiten Radweg zu cruisen. Ich hatte Tränen in die Augen vor Freude. Und mein Rad dankte es mir auch, es geleitete mich glücklich in den Sonnenuntergang. Ich muss dazu sagen, dass ich dieses Gefühl noch nie hatte. Als Radfahrerin auf der Kantstraße habe ich mich schon so oft geärgert, dass ich mich um den Verstand geflucht habe.

Wenn Wünsche über Nacht wahr werden, Der Tagesspiegel

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister





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